Seite - 158 - in Rausch der Verwandlung
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Auch seine heiße und leidenschaftliche Umarmung kann ihr Grauen nicht
ganz zerbrechen. Der Frost sitzt schon zu tief, er vermag ihn nicht zu
erreichen. Etwas in ihr löst sich nicht, etwas ist nicht ganz trunken, sondern
widersteht. Und als er ihr die Kleider nimmt und sie seinen Körper fühlt,
nackt, stark, warm und glühend, spürt sie zugleich das fremd feuchte Laken
wie einen nassen Schwamm. Überströmt von seiner Zärtlichkeit, fühlt sie sich
gleichzeitig beschmutzt von der Ärmlichkeit und Erbärmlichkeit, innerhalb
der es geschieht. Ihre Nerven beben, und während er sie an sich zieht, spürt
sie, daß sie gleichzeitig weg will, nicht von ihm, nicht von diesem brennenden
Menschen, sondern nur weg aus diesem Haus, wo sich die Menschen gegen
Geld wie Tiere paaren – rasch, rasch, der Nächste, der Nächste –, wo sich
Arme verkaufen wie eine Briefmarke oder eine Zeitung, die man wegwirft, an
den nächsten Gast. Die Luft erdrückt ihr die Lungen, diese dicke, ölige,
feuchte, eingesperrte Luft, dieser Dunst von fremder Haut, von fremder Hitze,
von fremder Lust. Und sie schämt sich, nicht daß sie sich hingibt, sondern daß
dies Festliche hier geschieht, wo alles widerlich und schmachvoll ist. Immer
tiefer spannen sich ihre Nerven unter diesem Widerstand. Und plötzlich bricht
es aus ihr, ein Stöhnen, ein niedergepreßtes Weinen der Enttäuschung, der
Erbitterung, das in kleinen zitternden Stößen ihren nackten Körper durchreißt.
Ferdinand liegt neben ihr, und dieses Schluchzen stößt bis an seinen Körper
heran. Er spürt es wie einen Vorwurf. Um sie zu beruhigen, streichelt er
immer wieder mit der Hand über ihre Schultern herab, er wagt kein Wort. Sie
merkt, wie sehr er verzweifelt ist. »Sorg dich nicht um mich«, sagt sie, »es ist
ein dummer Krampf. Sorg dich nicht, es geht gleich wieder vorbei, es ist nur
weil … « Sie hält wieder inne und atmet nur. »Aber laß, du kannst ja nichts
dafür.«
Er schweigt, auch er versteht alles. Er begreift ihre Enttäuschung, ihre
wilde und körperliche Verzweiflung. Aber er schämt sich, die Wahrheit zu
sagen, daß er kein besseres Hotel gesucht und kein besseres Zimmer
genommen, weil er im ganzen nicht mehr bei sich gehabt hat als acht
Schillinge, und daß er schon gedacht hat, seinen Ring dem Portier zu geben,
im Falle das Zimmer höher im Preis gewesen wäre. Aber er kann und will
nicht von Geld sprechen, so schweigt er lieber und wartet, wartet geduldig,
demütig betroffen und stumm, ob der Schauer nicht endlich von ihr weichen
will.
Mit der Feinhörigkeit überreizter Sinne hört sie immer wieder die
Geräusche nebenan, von oben und unten und aus den Gängen, Schritte und
Lachen, Husten und Stöhnen. Nebenan muß jemand mit einem leicht
Betrunkenen sein, der grölt immer, und dann hört man wieder ein Klatschen
auf nacktes Fleisch und das gekitzelte Lachen einer ordinären Frauenstimme.
Es ist unerträglich, und sie hört es immer mehr, je mehr der einzig
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik