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Rausch der Verwandlung
Seite - 159 -
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Verbundene neben ihr schweigt. Eine Angst kommt über sie und plötzlich fährt sie ihn an: »Bitte, sprich! Erzähl mir etwas. Nur damit ich es nicht höre, das von nebenan, oh, es ist so gräßlich hier. Welch ein furchtbares Haus, ich weiß nicht, was es ist, aber mir graut so vor allem, ich bitte dich, sprich, erzähl mir etwas, nur daß ich das … daß ich das nicht höre … Oh, es ist so schrecklich hier!« »Ja«, er atmet tief, »es ist schrecklich, und ich schäme mich, daß ich dich hierher geführt habe. Ich hätte es nicht tun dürfen … ich habe es selbst nicht gewußt.« Er streicht ihr mit zarter Liebkosung über den Körper, und sie fühlt es gütig und warm. Aber es tötet ihr nicht die Angst, die sie immer wieder erschauern läßt. Sie weiß nicht, warum sie so bebt und sich wehrt. Sie bemüht sich, es niederzuhalten, dieses Zucken in ihren Gelenken, diesen immer wieder erneuten Schauer des Ekels vor dem feuchten Bett und dem geilen Geschwätz von nebenan, dem ganzen furchtbaren Haus, aber es gelingt ihr nicht. Immer wieder laufen die Schauer über ihren Leib. Er beugt sich zu ihr: »Glaube mir – ich verstehe, wie dir das schrecklich sein muß. Ich habe das selbst erlebt einmal … und gerade das erstemal, wie ich mit einer Frau war … das vergißt man nicht. Damals, wie ich zum Regiment kam und gleich in die Gefangenschaft, da wußte ich noch nichts, und die andern, auch dein Schwager, sie spotteten immer mich deswegen aus … Die Jungfer nannten sie mich immer und immer, ich weiß nicht ob aus Bosheit, ich weiß nicht ob aus Verzweiflung, aber immer redeten sie davon zu mir … Ja, von nichts anderem konnten sie sprechen Tag und Nacht, immer wieder redeten sie von Weibern, immer erzählten sie von der und von der und der und wie das gewesen war, und jeder erzählte es hundertmal, man wußte es schon auswendig. Und Bilder hatten sie oder zeichneten sie sich, gräßliche Bilder, wie sie die eingesperrten Gefangenen im Zuchthaus sich an die Wand zeichnen. Es ekelte mich immer zu hören, und doch, natürlich doch … ich war ja schon neunzehn Jahre, zwanzig Jahre, es reizt einen und macht einen krank. Dann kam die Revolution, und man transportierte uns weiter nach Sibirien, da war dein Schwager schon fort – und führte uns herum wie einen Trupp Schafe, bis einmal abends, da setzte sich ein Soldat zu uns … Er sollte uns eigentlich bewachen, aber wohin hätte man laufen können? … Er sorgte für uns und hatte uns gern … heute sehe ich noch sein wie mit dem Hammer breitgeschlagenes Gesicht mit der dicken Kartoffelnase, mit dem breiten, gutmütigen, gedehnten Mund … Ja, was wollte ich sagen … Ja, eines Abends also setzte er sich zu mir wie ein Bruder und fragte mich, wie lange ich keine Frau gehabt … Ich schämte mich natürlich zu sagen, ›Noch nie‹ … Jeder Mann schämt sich« (und jede Frau, dachte sie) »so sagte ich: ›Zwei Jahre‹. 159
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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