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Rausch der Verwandlung
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sitzt wie auf einer Anklagebank. Er dämpft die Stimme: »Sie kennen die Dame persönlich … ich meine … Sie kennen sie seit länger … ?« Man sieht, er will es ihm leicht machen. »Ja«, sagt Ferdinand. Da dankt und salutiert der Kommissär und will sich entfernen. Aber Ferdinand, der vor Zorn bebt, wie er Christine so sitzen sieht, erniedrigt und nur mit seinem Versprechen losgekauft, geht ihm einen Schritt nach. »Ich möchte nur fragen, ob … ob solche Nachtstreifungen auch im Hotel Bristol und andern Ringstraßenhotels abgehalten werden oder nur hier?« Der Inspektor zieht sein Dienstgesicht kalt über und antwortet wegwerfend: »Ich habe Ihnen keine Auskunft zu geben, ich befolge meinen Auftrag. Seien Sie lieber froh, daß ich meine Nachforschungen nicht allzu genau vornehme, es könnte doch sein, daß die Angabe in Ihrem Meldezettel, die Ihre Frau betrifft« – er betonte das Wort – »nicht so ganz stichhältig ist.« Ferdinand beißt die Zähne, es würgt ihn, und er nimmt beide Hände hinter sich und preßt sie zusammen, um nicht dem Staatsabgesandten ins Gesicht zu schlagen, aber der Kommissär scheint an derartige Ausbrüche bereits gewöhnt und schließt ruhig, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, die Tür. Ferdinand bleibt stehen und starrt die Tür an, die Wut zerbricht ihn fast. Dann erst erinnert er sich Christines, die über ihrem Sessel mehr liegt als sitzt. Es ist, als ob sie gestorben wäre vor Angst und noch nicht zurückgekehrt in ihren Körper. Leise streichelt er ihr über die Schulter. »Da sieh, nicht einmal nach deinem Namen hat er dich gefragt… Es war wirklich nur eine Formalität, nur … nur daß sie mit diesen Formalitäten einem das Leben verstören und einen hinmachen. Vor acht Tagen hab’ ich es gelesen, jetzt erinnere ich mich, da hat sich eine vom Fenster hinuntergeworfen, weil sie Angst hatte, man führe sie zur Polizei, und daß es die Mutter erfahren könne oder … daß man sie untersucht auf Geschlechtskrankheiten… Da ist sie lieber hinuntergesprungen, drei Stock tief… Ich habe es gelesen in der Zeitung, zwei Zeilen, zwei Zeilen… Es ist ja wirklich nur eine Kleinigkeit, wir sind ja nicht verwöhnt … dafür kriegt wenigstens so einer ein eigenes Grab und nicht mehr ein Massengrab wie früher, man ist es ja gewöhnt … zehntausend Tote pro Tag, was ist da ein Mensch, das heißt, wenn er so einer ist wie wir, einer von denen, mit denen man sich alles erlaubt. Ja, in den guten Hotels, da salutieren sie und schicken nur Detektive ins Haus, damit den Damen der Schmuck nicht gestohlen wird, aber dort schnüffelt niemand einem sogenannten Bürger nachts in das Zimmer. – Doch ich brauche mich nicht zu genieren.« Christine beugt sich noch tiefer. Unbewußt erinnert sie sich, wie hatte die kleine Mannheimerin gesagt… Von Tür zu Tür geht’s da zu in der Nacht. Sie erinnert sich: die hellweißen, breiten Betten und Morgenlicht, die Türen, die wie auf Gummi schließen, leicht und geräuschlos, und die weichen Teppiche und die 164
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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