Seite - 164 - in Rausch der Verwandlung
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sitzt wie auf einer Anklagebank. Er dämpft die Stimme: »Sie kennen die
Dame persönlich … ich meine … Sie kennen sie seit länger … ?« Man sieht,
er will es ihm leicht machen. »Ja«, sagt Ferdinand. Da dankt und salutiert der
Kommissär und will sich entfernen. Aber Ferdinand, der vor Zorn bebt, wie er
Christine so sitzen sieht, erniedrigt und nur mit seinem Versprechen
losgekauft, geht ihm einen Schritt nach.
»Ich möchte nur fragen, ob … ob solche Nachtstreifungen auch im Hotel
Bristol und andern Ringstraßenhotels abgehalten werden oder nur hier?« Der
Inspektor zieht sein Dienstgesicht kalt über und antwortet wegwerfend: »Ich
habe Ihnen keine Auskunft zu geben, ich befolge meinen Auftrag. Seien Sie
lieber froh, daß ich meine Nachforschungen nicht allzu genau vornehme, es
könnte doch sein, daß die Angabe in Ihrem Meldezettel, die Ihre Frau betrifft«
– er betonte das Wort – »nicht so ganz stichhältig ist.« Ferdinand beißt die
Zähne, es würgt ihn, und er nimmt beide Hände hinter sich und preßt sie
zusammen, um nicht dem Staatsabgesandten ins Gesicht zu schlagen, aber der
Kommissär scheint an derartige Ausbrüche bereits gewöhnt und schließt
ruhig, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, die Tür. Ferdinand bleibt
stehen und starrt die Tür an, die Wut zerbricht ihn fast. Dann erst erinnert er
sich Christines, die über ihrem Sessel mehr liegt als sitzt. Es ist, als ob sie
gestorben wäre vor Angst und noch nicht zurückgekehrt in ihren Körper.
Leise streichelt er ihr über die Schulter.
»Da sieh, nicht einmal nach deinem Namen hat er dich gefragt… Es war
wirklich nur eine Formalität, nur … nur daß sie mit diesen Formalitäten
einem das Leben verstören und einen hinmachen. Vor acht Tagen hab’ ich es
gelesen, jetzt erinnere ich mich, da hat sich eine vom Fenster
hinuntergeworfen, weil sie Angst hatte, man führe sie zur Polizei, und daß es
die Mutter erfahren könne oder … daß man sie untersucht auf
Geschlechtskrankheiten… Da ist sie lieber hinuntergesprungen, drei Stock
tief… Ich habe es gelesen in der Zeitung, zwei Zeilen, zwei Zeilen… Es ist ja
wirklich nur eine Kleinigkeit, wir sind ja nicht verwöhnt … dafür kriegt
wenigstens so einer ein eigenes Grab und nicht mehr ein Massengrab wie
früher, man ist es ja gewöhnt … zehntausend Tote pro Tag, was ist da ein
Mensch, das heißt, wenn er so einer ist wie wir, einer von denen, mit denen
man sich alles erlaubt. Ja, in den guten Hotels, da salutieren sie und schicken
nur Detektive ins Haus, damit den Damen der Schmuck nicht gestohlen wird,
aber dort schnüffelt niemand einem sogenannten Bürger nachts in das
Zimmer. – Doch ich brauche mich nicht zu genieren.« Christine beugt sich
noch tiefer. Unbewußt erinnert sie sich, wie hatte die kleine Mannheimerin
gesagt… Von Tür zu Tür geht’s da zu in der Nacht. Sie erinnert sich: die
hellweißen, breiten Betten und Morgenlicht, die Türen, die wie auf Gummi
schließen, leicht und geräuschlos, und die weichen Teppiche und die
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik