Seite - 165 - in Rausch der Verwandlung
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Blumenvase beim Bett. Dort konnte ja alles schön sein und gut und leicht,
und hier… Sie schüttelt sich vor Ekel. Er steht verzweifelt neben ihr und sagt
ganz sinnlos: »Beruhige dich, beruhige dich, beruhige dich. Es ist schon
vorbei.« Aber der kalte Körper zuckt und zuckt immer wieder aufs neue unter
seiner Hand. Etwas in ihr ist zerrissen, und die Nerven schwingen nach, wie
ein in übermäßiger Spannung zerfetztes Seil. Sie hört nicht auf ihn, sie horcht
nur dem Klopfen, das immer weitergeht, von Tür zu Tür, von Mensch zu
Mensch. Noch ist das Gräßliche im Haus.
Jetzt sind sie schon im obern Stock. Plötzlich wird das Klopfen heftig.
Heftiger und heftiger wird es: »Aufmachen! Im Namen des Gesetzes!« Beide
horchen in die momentane Stille hinein. Wieder hämmert es oben, jetzt nicht
mehr die Knöchel, sondern die ganze Faust. Es schallt dumpf und hart von der
fremden Tür herab, zu allen Türen, zu allen Herzen. »Aufmachen!
Aufmachen!« brüllt oben die Stimme befehlerisch. Offenbar weigert sich dort
oben jemand. Dann kommt ein Pfiff, Schritte laufen die Stufen hinauf, vier,
sechs, acht Fäuste hämmern gegen die Tür da droben. »Aufmachen! Sofort!«
Dann ein Stoß, der durch das ganze Haus geht – ein schleifender Ton von
zerbrochenem Holz und dann ein Frauenschrei, hoch, gell, in höchster Angst,
ein Schrei, der wie ein Messer durchs ganze Haus schneidet. Dann poltern
Stühle, irgend jemand ringt mit irgend jemand, Körper fallen um, wie Säcke
mit Steinen gefüllt, dumpf schrillt und immer heulender der Schrei.
Sie horchen beide, als geschehe ihnen alles selbst. Er ist der Mann, der
droben wütend mit den Wachleuten ringt, sie ist die Frau, die halbnackt und
zornig schreit, angefaßt am Handgelenk und sich heulend windend unter dem
polizeimäßig geübten Griff, und jetzt gellt schrecklich deutlich der Schrei:
»Ich gehe nicht, ich gehe nicht!« heulend, brüllend, mit aufgeschäumtem
Mund. Ein Fenster klirrt, sie muß es zerschlagen haben oder jemand hat es
eingestoßen, dieses fremde gejagte Tier Frau. Und jetzt haben sie sie (beide
spüren sie es) zu zweit, zu dritt gefaßt und schleifen sie. Sie muß sich zu
Boden geworfen haben, man hört Strampeln, das Keuchen durch Kalk und
Stein und Wand. Und jetzt – jetzt schleppt man sie den Gang und die Stiegen
herab und immer erstickter, immer ersterbender klingt das Falsett der Angst,
das Schreien: »Ich gehe nicht, ich gehe nicht! Loslassen! Zu Hilfe!« Dann
sind sie unten. Das Automobil kurbelt an, man hat sie verstaut. Ein Tier ist im
Sack gefangen.
Es wird wieder still, und viel stiller als früher. Wie eine dicke Wolke liegt
das Grauen über dem Haus. Er versucht, sie in die Arme zu nehmen, er hebt
sie vom Sessel auf und küßt sie auf die kalte Stirn. Aber sie liegt in seinem
Arm, schlaff, feucht und tot wie eine Ertrunkene. Er küßt sie. Aber ihre
Lippen sind dürr und werden nicht wach. Er versucht, sie hinzusetzen auf das
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik