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Rausch der Verwandlung
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Bett: sie fällt nieder, ausgeleert, matt und verstört. Er beugt sich über sie und streicht ihr übers Haar. Endlich schlägt sie die Augen auf: »Weg!« haucht sie. »Führ mich weg, ich ertrag’ es nicht, ich ertrag’ es nicht eine Sekunde länger.« Und plötzlich, in einem hysterischen Ausbruch, fällt sie vor ihm in die Knie: »Führ mich weg, ich bitte dich, nur weg aus diesem verfluchten Haus.« Er sucht sie zu beruhigen. »Kind, wohin denn … wir haben jetzt noch nicht halb vier, und dein Zug geht erst um halb sechs. Wohin sollen wir gehen, willst du dich nicht lieber ausruhen?« »Nein, nein, nein.« Sie wirft einen Blick wahnwitzigen Abscheus auf das zerknüllte Bett. »Nur weg, nur weg von hier, nur weg! Und nie mehr … nie mehr … so … wohin, nie mehr!« Er gehorcht. In der Portiersloge steht noch ein Polizist, die Meldezettel vor sich, und macht sich Notizen. Er wirft einen kurzen, scharfen Blick herüber wie einen Hieb. Christine wankt, Ferdinand muß sie halten. Aber schon beugt sich wieder der Kommissär über die Papiere, und im Augenblick, wo sie die Gasse spürt, Luft, Freiheit, atmet sie tief, als sei ihr noch einmal das Leben geschenkt. Es ist lange noch nicht Morgen. Aber die Laternen scheinen schon müde gebrannt. Alles scheint müde, die Gassen in ihrer Leere, die Häuser in ihrer Dumpfheit, die Geschäfte in ihrer Verschlossenheit und die paar herumirrenden Menschen ihres eigenen Körpers; in schwerem Trott und die Köpfe gesenkt, ziehen die Pferde die länglichen Bauernwagen mit Gemüse zum Markt, es riecht einen Augenblick feucht und säuerlich, wenn man an ihnen vorüberkommt, dann klappern die Milchwagen über das Pflaster, die zinnenen Behälter schlagen klirrend aneinander, dann ist es wieder still, grau und grauenhaft. Die wenigen Menschen, Bäckerburschen, Kanalräumer und undefinierbare Arbeiter haben Gesichter von Schatten und Mohn, grau und bleich, ein trübes Gemisch von Unausgeschlafenheit und Unwilligkeit, und die beiden spüren diesen Unwillen der schlafenden Stadt gegen die Lebendigen und der Lebendigen gegen die schlafende Stadt unwillkürlich mit. Sie sprechen nichts, sondern gehen stumm durch die Finsternis dem Bahnhof zu. Dort kann man sitzen, ausruhen, vier Wände um sich haben: Heimat für Heimatlose. Im Warteraum setzen sie sich in eine Ecke, auf den Bänken liegen Männer und Weiber und schlafen mit offenem Mund, Pakete neben sich und sehen selbst aus wie zerknüllte, von irgendeinem Schicksal ins Leere fallengelassene Pakete. Von außen kommt manchmal ein unwilliges Keuchen, 166
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
Weiteres Belletristik
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