Seite - 166 - in Rausch der Verwandlung
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Bett: sie fällt nieder, ausgeleert, matt und verstört. Er beugt sich über sie und
streicht ihr übers Haar. Endlich schlägt sie die Augen auf: »Weg!« haucht sie.
»Führ mich weg, ich ertrag’ es nicht, ich ertrag’ es nicht eine Sekunde
länger.« Und plötzlich, in einem hysterischen Ausbruch, fällt sie vor ihm in
die Knie: »Führ mich weg, ich bitte dich, nur weg aus diesem verfluchten
Haus.«
Er sucht sie zu beruhigen. »Kind, wohin denn … wir haben jetzt noch nicht
halb vier, und dein Zug geht erst um halb sechs. Wohin sollen wir gehen,
willst du dich nicht lieber ausruhen?«
»Nein, nein, nein.« Sie wirft einen Blick wahnwitzigen Abscheus auf das
zerknüllte Bett. »Nur weg, nur weg von hier, nur weg! Und nie mehr … nie
mehr … so … wohin, nie mehr!«
Er gehorcht. In der Portiersloge steht noch ein Polizist, die Meldezettel vor
sich, und macht sich Notizen. Er wirft einen kurzen, scharfen Blick herüber
wie einen Hieb. Christine wankt, Ferdinand muß sie halten. Aber schon beugt
sich wieder der Kommissär über die Papiere, und im Augenblick, wo sie die
Gasse spürt, Luft, Freiheit, atmet sie tief, als sei ihr noch einmal das Leben
geschenkt.
Es ist lange noch nicht Morgen. Aber die Laternen scheinen schon müde
gebrannt. Alles scheint müde, die Gassen in ihrer Leere, die Häuser in ihrer
Dumpfheit, die Geschäfte in ihrer Verschlossenheit und die paar
herumirrenden Menschen ihres eigenen Körpers; in schwerem Trott und die
Köpfe gesenkt, ziehen die Pferde die länglichen Bauernwagen mit Gemüse
zum Markt, es riecht einen Augenblick feucht und säuerlich, wenn man an
ihnen vorüberkommt, dann klappern die Milchwagen über das Pflaster, die
zinnenen Behälter schlagen klirrend aneinander, dann ist es wieder still, grau
und grauenhaft. Die wenigen Menschen, Bäckerburschen, Kanalräumer und
undefinierbare Arbeiter haben Gesichter von Schatten und Mohn, grau und
bleich, ein trübes Gemisch von Unausgeschlafenheit und Unwilligkeit, und
die beiden spüren diesen Unwillen der schlafenden Stadt gegen die
Lebendigen und der Lebendigen gegen die schlafende Stadt unwillkürlich
mit. Sie sprechen nichts, sondern gehen stumm durch die Finsternis dem
Bahnhof zu. Dort kann man sitzen, ausruhen, vier Wände um sich haben:
Heimat für Heimatlose.
Im Warteraum setzen sie sich in eine Ecke, auf den Bänken liegen Männer
und Weiber und schlafen mit offenem Mund, Pakete neben sich und sehen
selbst aus wie zerknüllte, von irgendeinem Schicksal ins Leere
fallengelassene Pakete. Von außen kommt manchmal ein unwilliges Keuchen,
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik