Seite - 168 - in Rausch der Verwandlung
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hinausgefahren, irgendwohin hinaus mit einem Auto … Irgendwohin, wo
einem niemand nachfolgt, wo man allein ist und frei … Ach, wie das schön
gewesen wäre, wie man sich ausgespannt hätte, auch du … Auch du wärest
anders gewesen, nicht so verstört und bedrückt … Aber unsereins muß sich
verkriechen wie ein Hund in einem fremden Stall, wo man ihn aufknallt mit
der Peitsche … Ah, ich habe nicht geahnt, daß alles so gräßlich sein kann.«
Und wie sie aufschaut und sein Gesicht sieht, fügt sie rasch bei: »Ich weiß,
ich weiß, du kannst nichts dafür, und ich habe es vielleicht noch in mir, das
Grauen … Du mußt ja verstehen, was mich so gräßlich gepackt hat. Laß mir
ein bissel Zeit, es geht schon wieder vorbei … «
»Aber du kommst … du kommst doch wieder?« Die Angst in seiner Frage
tut ihr wohl. Es ist das erste warme Wort.
»Ja«, sagt sie. »Ich komme wieder, verlaß dich darauf. Nächsten Sonntag,
nur … Du weißt schon … nur das bitte ich dich … «
»Ja«, atmet er, »ich verstehe dich schon, ich verstehe schon.«
Sie fährt ab, er tritt ans Büffet und trinkt rasch ein paar kleine Gläser
Branntwein, die Kehle ist ihm wie ausgedörrt, wie Feuer fließt es ihm durch
den Schlund. Mit einmal kann er wieder die Glieder regen, und er geht die
ganze Straße entlang, rasch, immer rascher, die Arme schwingend gegen
einen unsichtbaren Feind, den er anrennen will. Die Leute sehen ihm
verwundert nach, und auch beim Bau fällt er auf, wie zornig er mit allen
herumschafft, wie gehässig er, der sonst Bescheidene, jede Frage abschnauzt.
Sie sitzt im Postamt wie immer, still, bedrückt, schweigsam, abwartend. Und
wenn sie aneinander denken, so geschieht es nicht mit Leidenschaft und
Liebe, sondern mit einer Art Ergriffenheit. Nicht wie man eines Geliebten,
sondern wie man an einen Kameraden im Unglück denkt.
Nach dieser ersten Begegnung fährt Christine jeden Sonntag nach Wien. Es
ist der einzige Tag, an dem sie dienstfrei ist, und der Sommerurlaub ist
verbraucht. Sie verstehen einander gut. Aber zu ermüdet, zu enttäuscht beide
für eine leidenschaftlich begehrende, für eine überschwenglich
hoffnungsvolle Liebe, sind sie schon glücklich, jemand zu finden, dem sie
sich eröffnen können. Die ganze Woche sparen sie für diesen Sonntag. Sie
sparen mit Geld, denn diesen einen Tag wollen sie doch zusammen,
abgehalftert von der ewigen Sparerei, verbringen, in eine Gastwirtschaft
gehen, in Kaffeehäuser, in ein Kino, ein paar Schillinge ausgeben, ohne
ununterbrochen zu zählen und zu rechnen. Und sie sparen die ganze Woche
mit Worten und Gefühlen, überlegen, was sie sich erzählen wollen, und freuen
sich bei allem, was ihnen zustößt, jemand zu haben, der von innen her zuhört,
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik