Seite - 169 - in Rausch der Verwandlung
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anteilnehmend und verstehend. Schon dies ist ihnen viel nach Monaten der
Entbehrung, und diesem kleinen Glück warten sie ungeduldig zu, den
Montag, den Dienstag, den Mittwoch, und immer ungeduldiger dann den
Donnerstag, den Freitag und Samstag. Eine gewisse Verhaltenheit bleibt
zwischen ihnen. Sie sprechen gewisse Worte nicht aus, die sonst Liebenden
leicht vom Munde fließen: sie sprechen nicht vom Heiraten und ewigen
Zusammenbleiben – alles ist ja so unwirklich und fern und hat noch nicht
recht begonnen, wahr zu sein. Gegen neun Uhr kommt sie gewöhnlich an (die
Samstagnacht will sie nicht in Wien verbringen, es ist zu teuer, allein sich ein
Hotel zu nehmen, und vor einer Gemeinsamkeit schreckt sie zurück, noch hat
sie das Grauen nicht überwunden). Er holt sie ab, sie gehen durch die Straßen,
sitzen auf Bänken im Volksgarten, fahren mit der Stadtbahn irgendwo hinaus,
essen zu Mittag, streifen durch die Wälder. Das ist schön, und sie werden
nicht müde, sich dankbar anzusehen, wenn sie einander gegenübersitzen. Sie
sind glücklich, einmal zu zweien über eine Wiese zu gehen und all die kleinen
Dinge des Lebens zu haben, die allen, auch den Ärmsten gehören: einen
herbstblauen Himmel in goldener Septembersonne, ein paar Blumen und den
freien, festlich erfüllten Tag. Schon das ist ihnen viel, und sie freuen sich von
Sonntag auf Sonntag auf diese, mit der guten Geduld geprüfter und
bescheiden gewordener Menschen. Am letzten Oktobersonntag wird der
Herbst müde, freundlich zu den Menschen zu sein, er wirft starken Wind
durch die Straßen und zieht Wolken über, es regnet von früh bis abends, und
mit einmal spüren sie sich fremd und unnütz in der Welt. Sie können nicht
den ganzen Tag im Havelock und ohne Schirm durch die Straßen trotten, und
es ist sinnlos und schmerzhaft, in Kaffeehäusern an überfüllten Tischen
beisammenzusitzen und nur manchmal unter dem Tisch das fremde Knie als
Zeichen der Vertrautheit zu spüren, nicht sprechen zu können vor den
fremden Leuten, nicht zu wissen wohin und die Zeit zu spüren, die kostbare
Zeit, wie einen Alp. Sie wissen beide, was ihnen fehlt. Es ist lächerlich wenig
– ein kleines Zimmer, ein kleiner eigener Raum, drei Meter, vier Meter
Abgeschlossenheit, vier Wände, die ihnen gehören an diesem Tag. Sie spüren
die Unsinnigkeit, zwei junge Körper, die sich wollen und begehren, zwecklos
in nassen Kleidern durch den Tag zu tragen oder auf Sesseln in überfüllten
Räumen zu sitzen, und nochmals sich eine Nacht einen solchen Raum zu
kaufen, wagen sie nicht. Das einfachste würde sein, Ferdinand würde sich ein
Zimmer nehmen, wo sie ihn besuchen könnte. Aber er verdient nur 170
Schilling und wohnt bei einer alten Frau, durch deren Zimmer er gehen muß,
in einer kleinen Kammer, die er nicht aufkündigen kann. Sie hat ihm in den
Monaten, wo er arbeitslos gewesen ist, gutwillig und vertrauensvoll das
Zinsgeld und Kost vorgestreckt, er ist noch mit zweihundert Schilling in ihrer
Schuld, die er monatlich abzahlt, und vor einem Vierteljahr kann er nicht
hoffen, aus ihrer Schuld zu sein. Alles das sagt er und erklärt er Christine
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik