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Rausch der Verwandlung
Seite - 170 -
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nicht, trotz aller Vertrautheit beharrt bei ihm eben eine Scham, seine letzte Armut zu zeigen und sein Verschuldetsein zu bekennen. Christine wiederum ahnt, daß irgendwelche geldliche Art ihn hindert, dort auszuziehen und ein Zimmer zu nehmen. Sie würde ihm gern Geld bieten, aber die Frau in ihr fürchtet, ihn zu verletzen, wenn sie sich die Möglichkeit innigen, freien und restlosen Beisammenseins kaufen will. So spricht sie nicht davon, und sie sitzen verzweifelt in den verrauchten Lokalen und sehen immer wieder zu den Scheiben, ob der Regen nicht aufhören will. Wie noch nie empfinden sie beide die unermeßliche Macht des Geldes, das mächtig ist, wenn es da ist, und noch mächtiger, wenn es fehlt, das Göttliche der Freiheit, die es zu geben vermag, und das Teuflische seines Hohns, wenn es zum Verzicht zwingt. Eine Wut der Erbitterung kommt über sie, wenn sie in der Früh, in der Dunkelheit die Fenster erleuchtet sehen und dahinter, hinter golden angestrahlten Gardinen Hunderttausende Menschen wissen, jeden mit der Frau, die er begehrt, geschützt und frei, und selber heimatlos, sinnlos durch die Straßen, durch den Regen trotten – eine Grausamkeit, wie sie in der Natur nur das Meer hat, in dem man verdursten kann. Zimmer sind da mit Licht und Wärme und weichen Betten in Stille und Abgeschlossenheit, Zehntausende, Hunderttausende, vielleicht sogar unzählige, die niemand benützt und bewohnt, und sie allein haben nichts, nur um sich einen Augenblick aneinanderzulehnen und die Lippen zu vereinen, nichts, diesen rasenden Durst und den Zorn gegen das Sinnlose in sich zu löschen, als sich zu betrügen, daß dies nicht ewig so dauern könne, und so beginnen sie beide zu lügen. Er liest mit ihr im Kaffeehaus die Annoncen, schreibt und erzählt, daß er glänzende Aussichten habe auf eine glänzende Stellung. Ein Freund von ihm, ein Kriegskamerad, wolle ihn unterbringen in dem Sekretariat einer großen Baufirma, er werde dort so viel Geld verdienen, daß er an der Technik nachstudieren könne und dann selbst Architekt werden; sie wieder erzählt – und dies ist keine Lüge –, daß sie an die Postdirektion ein Gesuch gerichtet habe, man möge sie nach Wien versetzen, und sie sei zu ihrem Onkel gegangen, der dort große Protektion habe. In acht Tagen, in vierzehn Tagen werde sie gewiß schon guten Bescheid haben. Aber was sie nicht erzählt, ist, daß sie tatsächlich zum Onkel gegangen ist, einmal an einem Abend, ohne daß er es wußte. Sie hat angeläutet um halb neun Uhr, nachdem sie zuvor aus den Fenstern hörte, sie seien alle sicher zu Hause, sie hatte im Vorzimmer die Teller klirren gehört, und schließlich war auch wirklich der Onkel herausgekommen, etwas nervös, es sei schade, daß sie gerade heute komme, die Tante und die Kousinen seien verreist (an den Mänteln im Vorzimmer hatte sie gesehen, daß es eine Unwahrheit war) und er hätte zwei Freunde zum Abendessen, sonst hätte er sie hereingebeten, und ob er ihr mit etwas dienen könne. Da hatte sie zu ihm, und er hatte ihr zugehört, ein »Ja, ja, ja gewiß« gesagt, und sie hatte deutlich gespürt, er fürchte, sie käme um Geld, 170
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
Weiteres Belletristik
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