Seite - 172 - in Rausch der Verwandlung
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(man ist eine Frau) für das Beisammensein mit dem Freund hat sie sich ein
paar Kleinigkeiten gekauft, eine neue Bluse, ein Paar feinere Schuhe. Die
Rechnung weist einen kleinen Fehlbetrag, nicht viel, 12 Schilling im ganzen,
und sie sind reichlich gedeckt durch die Reste der aus der Schweiz
mitgebrachten Franken, aber immerhin, sie fragt sich, ob sich das wird
aufrechthalten lassen, dieses allsonntäglich in die Stadt Fahren, ohne
Vorschuß zu nehmen oder Schulden zu machen. Und vor beidem graut ihr,
aus bürgerlichem, durch drei Generationen vererbtem Instinkt. Sie sitzt und
sinnt vor sich: wie soll das werden? Von dem letzten Beisammensein vor zwei
Tagen – es hat wieder so fürchterlich geregnet und gestürmt, die ganze Zeit
sind sie in Kaffeehäusern gesessen und unter Vordächern gestanden, und
sogar in die Kirche haben sie sich geflüchtet – hat sie nasse zerdrückte
Kleider heimgebracht – eine grenzenlose Müdigkeit und Traurigkeit.
Ferdinand ist so merkwürdig verstört gewesen, er mußte Ärger gehabt haben
in seinem Bau oder sonst irgend etwas, beinahe hart ist er zu ihr gewesen und
unfreundlich. Manchmal hat es eine halbe Stunde gedauert, ehe er ein Wort
sagte, und stumm, wie verfeindet, waren sie nebeneinander gegangen. Sie
versucht nachzudenken, was ihn verstimmt haben könnte. War er erbittert,
daß sie sich nicht überwinden konnte, noch einmal mit ihm in ein solches
gräßliches Hotel zu gehen, Erinnerung voll Grauen und Verstörung, oder war
es nur das Wetter und die Verzweiflung dieses planlosen Irrens von Lokal zu
Lokal, diese entnervende und entseelte Heimatlosigkeit, die ihrem
Beisammensein allen Sinn und alle Freude nimmt? Etwas, das spürt sie,
beginnt zwischen ihnen zu erlöschen: nicht die Freundschaft, nicht die
Kameradschaft, aber irgendeine Kraft läßt fast gleichzeitig in beiden nach: sie
haben nicht mehr den Mut, einander mit Hoffnungen zu belügen. Anfangs
haben sie den Wahn gehabt, einer dem andern helfen zu können, einer den
andern glauben zu machen, man könne einen Ausweg finden aus diesem
Engpaß ihrer Armut, nun glauben sie es selber nicht mehr, und der Winter
kommt näher, wie in einen nassen Mantel gehüllt und wie ein böser Feind.
Sie weiß nicht mehr, woher noch eine Hoffnung nehmen. In der linken
Lade ihres Schreibtisches liegt ein schreibmaschiniertes Blatt, gestern hat sie
es bekommen von der Postdirektion Wien: »Antwortlich Ihres Ansuchens
vom 17.9. 1926 sind wir leider genötigt mitzuteilen, daß die von Ihnen
erbetene Versetzung in den Postrayon Wiens derzeit nicht möglich ist, da im
Sinne des Ministerialerlasses B. D. Z. 1794 eine Vermehrung in den Wiener
Postamtsstellungen nicht in Aussicht genommen ist und derzeit keine Stelle
vakant ist.«
Sie hat es nicht anders erwartet, vielleicht hat der Hofrat interveniert,
vielleicht hat er vergessen: jedenfalls, er ist der einzige gewesen, der hätte
helfen können. Außer ihm hat sie niemanden, und so heißt es hierbleiben, ein
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik