Seite - 173 - in Rausch der Verwandlung
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Jahr, fünf Jahre, und vielleicht das ganze Leben; sinnlos ist die ganze Welt.
Sie sitzt und überlegt, den Rechenstift noch in der Hand, ob sie es
Ferdinand sagen soll. Merkwürdig, er hat sie nie gefragt, was aus ihrem
Gesuch geworden ist, wahrscheinlich hat er ohnehin nicht daran geglaubt.
Nein, lieber es ihm nicht sagen, er wird es auch so verstehen, wenn sie nie
mehr davon spricht. Es könnte ihn nur quälen. Es hat ja keinen Sinn. Nichts
mehr hat jetzt einen Sinn, nichts.
Die Tür geht. Instinktiv richtet sich Christine auf und rückt die Postsachen
zurecht, es ist schon ein gewisser mechanischer Ruck, immer wenn jemand
kommt, sich aus der Träumerei in die Arbeit hineinzureißen. Aber sofort fällt
ihr auf: die Tür wird anders geöffnet als sonst, so merkwürdig zaghaft und
vorsichtig, während die Bauern sie sonst aufpoltern wie eine Stalltür und
hinter sich krachend ins Schloß fallen lassen. Diesmal aber geht sie wie von
einem kleinen Wind aufgeweht, ganz langsam, nur die Angeln murren ein
wenig; unwillkürlich sieht sie neugierig hinter die Glasscheibe und erschrickt.
Der Mensch, den sie am wenigsten hier vermutet, steht hinter der gläsernen
Wand vor ihr: Ferdinand.
Christine erschrickt bis in die Kinnladen, und es ist kein gutes Erschrecken.
Manchmal hat ihr Ferdinand schon angeboten, sie solle doch die Mühe
sparen, nach Wien zu kommen, er wolle sie draußen besuchen. Aber immer
wieder hat sie abgewehrt, vielleicht aus Scham, sich in der abgenutzten
kleinen Amtsstube, in der selbstgenähten Arbeitsschürze zu zeigen, vielleicht
Eitelkeit der Frau, Scham der Seele. Vielleicht auch aus Ängstlichkeit
vor dem Geschwätz der Nachbarn; was würden sie sagen, die Wirtin nebenan,
die Nachbarin, wenn sie sie mit einem Fremden aus Wien irgendwo im Walde
sähen, und Fuchsthaler, den würde es kränken. Jetzt ist er doch gekommen, es
kann nichts Gutes sein.
»Na, da staunst du, das hättest du dir nicht gedacht!« Es soll heiter klingen,
aber in der Kehle knarrt etwas mit wie eine harte Deichsel.
»Was ist denn? … Was ist? … « fragt sie erschreckt.
»Nichts. Was soll denn sein. Ich habe gerade frei gehabt, und da dachte ich
mir, fährst einmal heraus. Freut es dich nicht?«
»Ja, ja«, stottert sie, »natürlich.«
Er sieht sich um. »Also, das ist dein Königreich? Der Schönbrunner
Empfangssaal ist schöner, nobler, aber immerhin, du bist allein und hast
keinen Pascha über dir. Das ist schon viel!«
Sie antwortet nicht und denkt nur immer: was will er?
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik