Seite - 182 - in Rausch der Verwandlung
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sein. Jetzt steht er und sieht ihr über die Schulter.
»Was ist?« schreckt sie auf.
»Erlaubst du« – seine Stimme ist stark beledert –, »erlaubst du, daß ich da
einen Augenblick eine nehme. Ich habe so lange keine Tausendschillingnote
gesehen und in meinem Leben noch nicht so viel beisammen.«
Er nimmt eine vorsichtig in die Finger, wie etwas Zerbrechliches, und sie
merkt, wie die Hand dabei bebt. Was hat er? Er starrt so merkwürdig das
blaue Blatt an, seine schmalen Nasenflügel beben, in den Augen ist ein
merkwürdiges Licht.
»So viel Geld … So viel Geld hast du immer hier?«
»Ja, natürlich, heute ist es sogar wenig, 11570 Schilling. Aber so am Ende
des Quartals, wenn die Weinbauern ihre Steuern einzahlen oder von der
Fabrik der Arbeitslohn angewiesen wird, dann sind’s oft vierzig-, fünfzig-, ja
sechzigtausend – einmal waren es sogar achtzigtausend.«
Er sieht starr auf das Pult. Er hat die Hände auf den Rücken gelegt, als habe
er Furcht
»Und das ist dir … das ist dir nicht unbehaglich, so viel Geld da im Pult zu
haben? Hast du gar keine Angst?«
»Angst, wovor? Das Lokal ist doch vergittert, schau da, ganz dicke eiserne
Stäbe, und nebenan ist doch die Kramerei, oben wohnt der Weidenhofbauer,
sie würden es doch hören, wenn da einer einbricht. Und abends ist es immer
in der Tasche, nein, da geschieht nichts.«
»Ich hätte Angst gehabt«, antwortet er gepreßt.
»Unsinn, wovor denn?«
»Vor mir selbst.«
Sie blickt auf und trifft einen halbverschlossenen Mund, einen
weggewandten Blick. Dann beginnt er im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ich könnte es nicht ertragen, nicht eine Stunde, ich könnte nicht atmen
neben so viel Geld. Ich würde immer rechnen, da tausend Schilling, ein Blatt
ein viereckiges, ein blödes Blatt Papier, und wenn ich es nehme und in die
Tasche stecke, bin ich frei, drei Monate, ein halbes Jahr, ein Jahr frei, kann
tun, was ich will, und mein eigenes Leben leben, und mit dem, was da liegt –
wieviel hast du gesagt? –, 11570 Schilling, davon könnten wir leben, zwei
Jahre, drei Jahre, die Welt sehen und jede Minute wirklich leben, nicht so wie
wir gelebt haben, sondern wirklich, so wie man will, den Menschen leben, zu
dem man geboren ist, ihn aus sich wachsen lassen und werden, nicht
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik