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Rausch der Verwandlung
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sein. Jetzt steht er und sieht ihr über die Schulter. »Was ist?« schreckt sie auf. »Erlaubst du« – seine Stimme ist stark beledert –, »erlaubst du, daß ich da einen Augenblick eine nehme. Ich habe so lange keine Tausendschillingnote gesehen und in meinem Leben noch nicht so viel beisammen.« Er nimmt eine vorsichtig in die Finger, wie etwas Zerbrechliches, und sie merkt, wie die Hand dabei bebt. Was hat er? Er starrt so merkwürdig das blaue Blatt an, seine schmalen Nasenflügel beben, in den Augen ist ein merkwürdiges Licht. »So viel Geld … So viel Geld hast du immer hier?« »Ja, natürlich, heute ist es sogar wenig, 11570 Schilling. Aber so am Ende des Quartals, wenn die Weinbauern ihre Steuern einzahlen oder von der Fabrik der Arbeitslohn angewiesen wird, dann sind’s oft vierzig-, fünfzig-, ja sechzigtausend – einmal waren es sogar achtzigtausend.« Er sieht starr auf das Pult. Er hat die Hände auf den Rücken gelegt, als habe er Furcht »Und das ist dir … das ist dir nicht unbehaglich, so viel Geld da im Pult zu haben? Hast du gar keine Angst?« »Angst, wovor? Das Lokal ist doch vergittert, schau da, ganz dicke eiserne Stäbe, und nebenan ist doch die Kramerei, oben wohnt der Weidenhofbauer, sie würden es doch hören, wenn da einer einbricht. Und abends ist es immer in der Tasche, nein, da geschieht nichts.« »Ich hätte Angst gehabt«, antwortet er gepreßt. »Unsinn, wovor denn?« »Vor mir selbst.« Sie blickt auf und trifft einen halbverschlossenen Mund, einen weggewandten Blick. Dann beginnt er im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich könnte es nicht ertragen, nicht eine Stunde, ich könnte nicht atmen neben so viel Geld. Ich würde immer rechnen, da tausend Schilling, ein Blatt ein viereckiges, ein blödes Blatt Papier, und wenn ich es nehme und in die Tasche stecke, bin ich frei, drei Monate, ein halbes Jahr, ein Jahr frei, kann tun, was ich will, und mein eigenes Leben leben, und mit dem, was da liegt – wieviel hast du gesagt? –, 11570 Schilling, davon könnten wir leben, zwei Jahre, drei Jahre, die Welt sehen und jede Minute wirklich leben, nicht so wie wir gelebt haben, sondern wirklich, so wie man will, den Menschen leben, zu dem man geboren ist, ihn aus sich wachsen lassen und werden, nicht 182
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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