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Rausch der Verwandlung
Seite - 184 -
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Sie versteht sofort, was er meint, aber sie rückt ihre Stimme ganz fest zusammen, um es nicht merken zu lassen: »Ja, ich glaube schon.« »Und wenn du außerdem noch die Ablieferungen verzögerst … Wenn du die Steuern oder was du da hast, noch ein paar Tage zurückbehältst, ich kenne doch mein Österreich, da kontrolliert man nicht so scharf – wieviel könntest du da zusammenbringen?« Sie denkt nach. »Vierzigtausend gewiß. Vielleicht sogar fünfzigtausend … Aber warum … ?« Er antwortet beinahe streng: »Du weißt schon warum.« Sie wagt keinen Widerspruch. Er hat recht, sie weiß warum. Sie gehen still und stumm, in einem nahen Teich quaken die Frösche wie toll, und es tut geradezu weh, plötzlich dieser schnarchende, höhnische Laut. Plötzlich bleibt er stehen. »Christine, wir haben keinen Grund, uns etwas vorzumachen. Die Sache steht verflucht ernst mit uns beiden, und da muß man verflucht aufrichtig zueinander sein. Überlegen wir zusammen ruhig und klar.« Er zündet sich eine Zigarette an. Einen Augenblick sieht sie im weißen Licht sein gespanntes Gesicht. »Überlegen wir, ja, wir waren heute entschlossen, Schluß zu machen, wir wollten, wie es im Zeitungsdeutsch so schön heißt, ›aus dem Leben flüchten‹. Das ist gar nicht wahr. Wir wollten gar nicht aus dem Leben flüchten, du nicht und ich nicht. Nur aus unserem verpfuschten Leben wollten wir endlich heraus, und da war kein anderer Ausweg. Nicht aus dem Leben wollten wir flüchten, sondern aus unserer Armut, aus dieser stupiden, widerlichen, unerträglichen und unentrinnbaren Armut. Nur das. Und da glaubten wir, der Revolver sei der letzte, der einzige Weg. Das war aber falsch gesehen. Jetzt wissen wir’s beide, es gibt allenfalls noch einen andern Weg, einen vorletzten. Jetzt ist nur die Frage, ob wir den Mut haben, ihn zu gehen, und wie?« Sie schweigt und er zieht an der Zigarette. »Ganz ruhig und ganz sachlich muß das erwogen und überlegt sein, wie eine Rechenaufgabe… Ich mache dir natürlich nichts vor. Ich sage dir offen, daß wahrscheinlich mehr Mut dazugehört als zum andern. Die andere Sache war leicht. Ein Fingerzug, ein Muskel, den man spannt, ein Blitz, und es ist vorbei. Der andere Weg ist schwerer, weil er länger ist. Da spannt man sich nicht eine Sekunde lang, da dauert es Wochen, Monate, und unablässig muß man sich decken und verstecken. Das Unbestimmte ist immer schwerer, als das Bestimmte durchzuhalten, kurze scharfe Angst leichter als die lange unfaßbare. Da muß man zuvor überlegen, ob man dazu Kraft genug hat, ob 184
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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