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Rausch der Verwandlung
Seite - 185 -
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man diese Spannungen durchhalten kann und ob es dafürsteht. Ob man glatt und schnell Schluß machen soll mit dem Leben oder noch einmal anfangen. Das ist mein Bedenken.« Er geht wieder weiter, sie folgt ihm automatisch. Ihre Knie gehen für sie, ihr ganzes Denken harrt wie hilflos auf sein Wort, auf das, was er sagen will Aus sich selbst heraus hat sie keine Kraft, zu denken, in ihr ist alles so tödlich erschrocken und willenlos. Er bleibt wieder stehen. »Mißversteh mich nicht. Ich habe keine Spur sittlicher Bedenken, ich fühle mich vollkommen frei gegen den Staat. Er hat an uns allen, an unserer Generation, so ungeheure Verbrechen begangen, daß wir zu allem recht haben. Wir können ihn schädigen, soviel wir wollen, wir, unser ganzes geschlagenes Geschlecht, es wird immer nur Schadenersatz bleiben, was wir tun. Wenn ich stehle, wer hat’s mich gelehrt, wer hat mich dazu angehalten, als er im Krieg: requirieren hat man’s damals genannt, oder expropriieren oder regressieren, wie es im Friedensvertrag steht. Wenn wir betrügen, wem haben wir es zu danken, diese Kunst, als ihm, der uns erzogen hat, wie man durch drei Generationen erspartes Geld in vierzehn Tagen zu Dreck macht, wie man Wiesen, Häuser, Felder, seit hundert Jahren in einem Geschlecht, einem wegschwindelt? Und selbst wenn ich jemand morde, wer hat mich dazu gedrillt und abgerichtet? Sechs Monate im Kasernenhof und dann Jahre an der Front! Beim lieben Gott steht unser Prozeß gegen den Staat ausgezeichnet, wir werden ihn in allen Instanzen gewinnen, nie kann er die ungeheure Schuld tilgen, nie das zurückgeben, was er uns genommen hat. Gewissen gegen den Staat zu haben, das war giltig in früheren Zeiten, wo der Staat ein gütiger Vormund war, sparsam, anständig, korrekt. Jetzt, wo er wie ein Lump an uns gehandelt hat, haben wir jeder das Recht, Lumpen zu sein. Nicht wahr, du verstehst mich? – Ich habe nicht den Schatten einer Hemmung und glaube, du brauchst auch keine zu haben, wenn wir für unsere Person Revanche nehmen, wenn ich mir nun meine Invalidenrente, die mir nach Fug und Recht zugehört und die mir das hochlöbliche Ärar verweigert, nun selber nehme und dazu das, was man deinem Vater und meinem Vater an Geld, was man uns und meinesgleichen an lebendigem Lebensrecht gestohlen hat. Nein, ich schwöre dir’s, mein Gewissen ist dabei so gleichgiltig wie ihm unser Leben oder Sterben und Krepieren, und kein einziger Armer dieses Staates wird vermehrt, ob wir da hundert blaue Zettel stehlen oder tausend oder zehntausend, er spürt es so wenig wie die Wiese, der die Kuh ein paar Halme wegfrißt. Das beunruhigt mich also gar nicht, und ich glaube, wenn ich ihm zehn Millionen gestohlen hätte, würde ich so gut schlafen wie ein Bankdirektor oder ein General mit dreißig verlorenen Schlachten. Ich denke nur an uns, an dich und mich.Wir dürfen nichts unüberlegt tun, wie ein fünfzehnjähriger Kommis, der zehn Schilling aus der Portokasse stiehlt und 185
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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