Seite - 197 - in Rausch der Verwandlung
Bild der Seite - 197 -
Text der Seite - 197 -
meinem Paß folgende kleine Änderung an, daß ich auch deinen Namen und
deine Fotografie einfüge. Den Kautschukstempel kann ich mir selbst
anfertigen, ich habe seinerzeit die Holzschneiderei gelernt. Außerdem kann
ich (ich habe nachgesehen) das F in meinem Namen Farmer mit einem
kleinen Strich so verändern, daß man es für »Karrner« lesen kann, und unter
diesem Namen kommt er ja selbst für den Fall, den ich aber für
ausgeschlossen halte (siehe Abteilung II), in eine ganz andere Rubrik. Der
Paß gilt dann für uns beide als Mann und Frau und genügt insolange, als wir
uns dann in irgendeiner Hafenstadt wirklich falsche Pässe besorgen. In zwei
oder drei Jahren, wenn unser Geld reicht, wird es ohne Schwierigkeiten
gelingen.
d) Mitnehmen des Geldes: Wenn es irgendwie möglich ist, müssen in den
letzten Tagen Vorkehrungen getroffen werden, möglichst große Noten,
Tausender oder Zehntausender an sich zu ziehen, um sich nicht zu belasten.
Die etwa fünfzig bis zweihundert Noten (je nachdem, ob es Tausender oder
Hunderter sind) verteilst du während der Reise im Koffer, in der Tasche und
nähst allenfalls einen Teil in den Hut ein, was für die einfache Zollrevision,
wie sie an der Grenze jetzt geübt wird, selbstverständlich genügt. Einige
Noten wechsle ich unterwegs auf den Bahnhöfen Zürich und Basel, damit wir
bereits mit ausländischem Geld in Frankreich ankommen und nicht dorten an
einer Stelle für die wichtigen ersten Anschaffungen zu auffällig viel
österreichisches Geld wechseln müssen.
e) Erstes Fluchtziel: Ich schlage vor: Paris. Es hat den Vorteil, daß es leicht
und in einem Zuge zu erreichen ist und wir sechzehn Stunden vor der
Entdeckung und wohl vierundzwanzig Stunden vor jeder steckbrieflichen
Verfolgung dort eingetroffen sind und Zeit gehabt haben, uns durch andere
Adjustierung gegenüber dem Signalement (das nur dich betreffen wird) völlig
zu verändern. Ich spreche fließend französisch, so daß wir die typischen
Fremdenhotels vermeiden und uns unauffälliger in ein Vorstadthotel begeben
können. Paris hat den Vorteil eines ungeheuren Reiseverkehrs, der die
einzelne Überwachung beinahe unmöglich macht, auch wird das
Meldewesen, nachdem was mir Freunde erzählten, lässig geübt, im Gegensatz
zu Deutschland, wo die Hauswirte, selbst die ganze Nation von Natur aus
neugierig sind und Exaktheit fordern. Außerdem bringen vermutlich die
Zeitungen in Deutschland über einen österreichischen Postdiebstahl
ausführlichere Details als die französischen. Und bis die Zeitungen diese
ersten Nachrichten bringen, sind wir von Paris wahrscheinlich schon wieder
fort (darüber in Abteilung III).
197
zurück zum
Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik