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150 REfLExIvER KoSMoPoLITANISMUS
Leitgedanke 3: AutoritÀt
Im Jahr 2010 verabschiedete die französische Regierung ein Gesetz, das die Verschlei-
erung des Gesichtes auf öffentlichen, öffentlich zugÀnglichen oder öffentlicher Verwen-
dung zugewiesenen PlÀtzen (Sicherheit auf PlÀtzen von Gottesdiensten) verbietet. Im Jahr
2013 wurde das Verbot zum Verbot der Vollverschleierung in der Ăffentlichkeit modifiziert
und auf der Basis nationaler Sicherheit gerechtfertigt. Eine der Beschwerden dagegen
besagte, dass dieses Gesetz muslimischen Frauen eindeutig verbietet, die Burka in der
Ăffentlichkeit zu tragen. Was soll und was kann eine Frau, die die Regeln ihrer Religion
respektieren möchte, in diesem Fall tun? Soll sie die politische oder die religiöse AutoritÀt
respektieren? Dieses Thema wurde heftig diskutiert und hatte viele Diskussionen zur Fol-
ge, die sich mit Ă€hnlichen Fragen ĂŒber multiethnische Gesellschaften auseinandersetzten.
Was legitimiert eine staatliche AutoritÀt, eine Gesellschaft oder eine Gemeinschaft?
Die erste Antwort, die dazu vorgebracht werden könnte, ist Konsens, der spontan sein
oder erzwungen werden kann. In einer Gesellschaft, die sich aufgrund der PrÀsenz von
verschiedenen Kulturen transformiert, können viele Àhnliche Situationen, wie die zuvor
genannte, entstehen. Es kann auch zu Konflikten darĂŒber kommen, was als AutoritĂ€t auf-
gefasst werden kann. Somit ist es wichtig, ĂŒber das Konzept von AutoritĂ€t nachzudenken.
Prinzipiell verweist AutoritĂ€t auf jede Art von Macht und Kontrolle ĂŒber Meinungen und
Verhaltensweisen, die eine Person oder Gruppe ĂŒber eine andere ausĂŒbt. Diese Macht ist
nicht notwendigerweise politisch, sie kann sich unabhÀngig von einer Regierung und ihren
Parteien Ă€uĂern, und auch von einer Kirche/Religion oder zum Beispiel von einer Gruppe
von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgehen.
Ăber Jahrhunderte hat man versucht die Basis von AutoritĂ€t zu ergrĂŒnden, um sie
zum Beispiel in der Natur, in Gott oder in den menschlichen Wesen selbst zu entdecken.
Das erste Konzept erfuhr seine Rechtfertigung in den naturgegebenen Talenten einiger
Menschen, die ihnen von Geburt an nachgesagt wurden und diese dazu befĂ€higten ĂŒber
Menschen zu herrschen, die von Natur aus fĂŒr den Gehorsam bestimmt waren. Im Gegen-
satz dazu leitet sich bei der göttlichen Rechtfertigung alle Macht direkt von Gott ab und
aus diesem Grund wurde sie als unverÀnderbar und legitim erachtet. Die Stoiker fassten
erstmals AutoritÀt ausgehend von der Anerkennung seitens der menschlichen RationalitÀt
auf: Menschen, die von Natur aus gleich und rational sind, haben die Möglichkeit in ge-
genseitigem EinverstĂ€ndnis zu entscheiden, wer das Recht dazu hat, AutoritĂ€t auszuĂŒben.
Dieser Interpretation des Begriffes von AutoritĂ€t kann mit der Idee eine âAutoritĂ€t
zu seinâ assoziiert werden. Das heiĂt, dass wir die AutoritĂ€t einer Person aufgrund ihrer
ausgezeichneten Urteilskraft und ihres Wissens rational anerkennen und ihrem Urteil be-
sondere Aufmerksamkeit entgegenbringen. Diese Art von AutoritĂ€t grĂŒndet auf der freien
Wahl des Individuums, das die Grenzen seiner eigenen Vernunft und des eigenen Wissens
erkennt.
Die Idee, dass AutoritÀt auf EinverstÀndnis basiert, hat in der Geschichte des westli-
chen Denkens einen radikalen Kritizismus bezĂŒglich aller Arten von AutoritĂ€t beeinflusst.
Im Leben von Jugendlichen gibt es Menschen, die sie als AutoritÀten betrachten, z.B.
ihre Eltern, Lehrer und Lehrerinnen. Diese Personen können auch als AutoritÀten aner-
kannt werden, wenn sie nicht autoritÀr vorgehen, sondern eher Jugendliche auf ihren Weg
begleiten und ihnen ihre eigenen Erfahrungen mit auf den Weg geben. Dementsprechend
können sie den Jugendlichen einen Rat geben, ohne ihnen etwas aufzuzwingen.
In der ersten Episode diskutieren die Jugendlichen, inwieweit sie einer AutoritÀt ver-
trauen können oder nicht. Jensika wurde zum Opfer des Professors, der in der Schule
beides verkörpert, die Rolle einer AutoritÀt (AutoritÀt sein aufgrund seines Amtes) und eine
Person, vor der man Respekt hat (AutoritĂ€t haben/respekteinflöĂend sein). Eine Lehrper-
Reflexiver Kosmopolitanismus
Entwicklung einer Forschungsgemeinschaft durch den philosophischen Dialog
- Titel
- Reflexiver Kosmopolitanismus
- Untertitel
- Entwicklung einer Forschungsgemeinschaft durch den philosophischen Dialog
- Herausgeber
- Ediciones La Rectoral
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-SA 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 190
- Kategorien
- LehrbĂŒcher PEACE Projekt