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heit dem Willen der Mehrheit zustimmt. In diesem Zusammenhang ist es interessant, das
Konformitätsexperiment des polnischen Sozialpsychologen Solomon Asch in Erinnerung
zu rufen. 1956 zeigte er, wie in einer Gruppe die Meinung der Mehrheit, selbst wenn sie
offensichtlich falsch ist, das Urteilsvermögen und selbst die visuelle Wahrnehmung einer
Person beeinflusst und modifiziert.43
Die repräsentative Demokratie birgt die Gefahr in sich, Bürgerinnen und Bürgern die
Möglichkeit zur politischen Partizipation zu nehmen. Durch diesen Mechanismus des De-
legierens an Abgeordnete werden sie von Verantwortung entbunden und verlieren oft das
Interesse an dem, was sie betreffen sollte, nämlich an Diskussionen, Erfahrungsaustausch
und kritischer Reflexion teilzunehmen. Wie lässt sich diese Gefahr vermeiden? Was den-
ken Ihre Schülerinnen und Schüler?
aktivität: Die Mehrheit und die Minderheit
Stelle dir vor, die Schulleiterin bittet dich, das Klassenzimmer auszumalen und
die Schreibtische und die Tafel neu zu arrangieren. Du könntest die Motive und
die Farben der Bilder an der Wand selbst wählen und auch alles andere, was die
Umgestaltung des Klassenzimmers betrifft. Unterbreite ein paar Vorschläge und
begründe diese. Nach einer Diskussion darüber wähle zwei oder drei deiner Vor-
schläge selbst aus und stelle sie den anderen zur Wahl. Die Mehrheit wird sich
wahrscheinlich für einen entscheiden. Befrage nun jeden Einzelnen, warum die
anderen Vorschläge nicht gewählt wurden, und frage auch die Wählerinnen und
Wähler, die zur Minderheit gehören, ob sie nun dennoch mit der Wahl zufrieden
sind. Wenn das nicht der Fall sein sollte, ist die Mehrheit fähig, die Minderheit
von der Wahlentscheidung zu überzeugen? Oder kann es auch passieren, dass im
Gegenteil, die Minderheit die Mehrheit davon zu überzeugen vermag, die Wahl in
Bezug auf die anderen Vorschläge zu wiederholen?
aktivität: Die Versammlung
Teilen sie ihre Klasse in zwei Gruppen. Jede Gruppe muss ein möglichst realisti-
sches Thema oder Problem vorstellen, das es zu diskutieren und zu lösen gilt, zum
Beispiel einen Vorschlag zur Verlängerung der Pause einbringen oder eine Idee,
um mündliche Prüfungen besser zu planen. Jede Gruppe muss nun den Adres-
saten/die Adressatin für das Anliegen bestimmen (zum Beispiel: den Direktor/
die Direktorin für die Pausenverlängerung oder eine Lehrperson für die Verbes-
serungsvorschläge für die Organisation der mündlichen Prüfungen). Jede Gruppe
wählt einen Sprecher oder eine Sprecherin. Diese sollen so gewählt werden, dass
eine Diskussion stattfindet, bei der jede Gruppe gute Gründe und Kriterien für
ihre Wahl vorbringen muss.
Danach diskutiert die Gruppe, wie ein Anliegen vorgebracht werden soll, welches
die Begründungen hierfür sind und welche Ziele erwartet werden. Am nächsten Tag
erläutern die Sprecherin/der Sprecher das Anliegen der jeweils anderen Gruppe so,
als würden sie tatsächlich bei dem vorgestellten Adressaten vorsprechen. Welcher
Sprecher bzw. welche Sprecherin gibt genau das wieder, was in der jeweiligen Grup-
pe diskutiert wurde?
43 Asch, Solomon: Studies of Independence and Conformity: A Minority of one Against an Unanimous Majori-
ty. Psychological Monographs 70 Whole No. 416. 1956.
Reflexiver Kosmopolitanismus
Entwicklung einer Forschungsgemeinschaft durch den philosophischen Dialog
- Titel
- Reflexiver Kosmopolitanismus
- Untertitel
- Entwicklung einer Forschungsgemeinschaft durch den philosophischen Dialog
- Herausgeber
- Ediciones La Rectoral
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-SA 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 190
- Kategorien
- Lehrbücher PEACE Projekt