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einer Anfrage bei ThomasMann riet er ab, obwohl Essigmann einenBeitrag des
deutschen Schriftstellers befürwortet und als symbolischen Gewinn für die Zeit-
schrifterachtethätte.Generell scheintdieResonanzbeidenangefragtenAkteuren
nicht sonderlich groß gewesen zu sein, sahen sich dieHerausgeber doch bemü-
ßigt, in der Vorankündigung ihrer Zeitschrift festzuhalten: „Mit anderen unserer
Großen, die durch die Ungunst der Verkehrsverhältnisse schwerer zugänglich
sind, schweben aussichtsreiche Unterhandlungen.“166 Gemeint ist hier der nach
Kriegsende zum Erliegen gekommene postalische Verkehr. Doch nicht nur
technischeHindernisse, auchSchaukalsAnimositätenwaren fürdieRekrutie-
rung oder Ablehnung von Beiträgern für Das Gewissens ausschlaggebend.
Auch einemögliche Anfrage bei Gerhart Hauptmann (1862–1946) wurde dis-
kutiertund–aufgrundSchaukalsablehnenderHaltung–verworfen.167
Schaukals Reaktionen als Schriftsteller und Beamter auf die Gründung der
Republik stehen ganz im Zeichen seiner zunehmenden Politisierung, wie noch
ausführlicherzuzeigenseinwird.DerKontaktzuEssigmannundseineMitarbeit
amGewissenveranschaulichenersteEtappen jenerneuenVerbindungvonpoliti-
schem Engagement und schriftstellerischen Bestrebungen. Nachdem Schaukal
Essigmann eine Liste potentiellerMitarbeiter für das Blatt hatte zukommen las-
sen,reagiertederGründerverwundert:
DieListeweist ja fastnurPolemikerauf!Bitte lassenSiedem„Gewissen“auchetwasvon
demDichter Schaukal zukommen. Ich begreife, dass die bewegte Zeit den Polemiker in
Ihnenaufwühlt, aberdasG.mussgleich imAnfangzeigen,dassesmindestenszurHälfte
auchderSchönenLiteraturgehört.168
Essigmannbekräftigte immerwieder seinAnliegen, dass auchdichterischeEr-
zeugnisse Platz im Gewissen einnehmen müssten und die politischen Essays
keinÜbergewicht haben sollten. „Sie haben kein polemisches Talent!“, so der
Schriftleiter inallerDeutlichkeit.169
Die Existenz vonDas Gewissen standmit seiner Gründung bereits auf der
Kippe, zumeinenwegenderPapierknappheit, dannaufgrundder allgemeinen
Teuerung und nachlassenden Kaufkraft, nicht zuletzt auch wegen der an-
dauernden Kohlennot in der unmittelbaren Nachkriegszeit.170 Möglich, dass
auch programmatische Unstimmigkeiten zwischen Schaukal und Essigmann
zumScheiterndesZeitschriftenprojektsbeigetragenhaben.
166 Anzeige in:Buchhändler-Correspondenz,Nr.9/1919 (26.Februar 1919),S. 125.
167 Vgl.denBriefEssigmannsanSchaukal, 17. Januar1919,S-NL,WB.
168 BriefEssigmannsanSchaukal,4. Januar1919,S-NL,WB.
169 BriefEssigmannsanSchaukal, 13. Januar1919,S-NL,WB.
170 Vgl.denBriefEssigmannsanSchaukal,3. Januar1919,S-NL,WB.
2 PublizistischeNetzwerke 133
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik