Seite - 136 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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Traditionen abgelegt und sei auf demWeg zu einem eigenen Stil, so Hauser
imMai 1907überLebenundMeinungendesHerrnAndreasvonBalthesser.179
Schon aus der fünf Jahre zuvor inWestermanns illustrirten deutschenMo-
natsheftenveröffentlichtenRezensionüberSchaukals Interiéurs sprichteinege-
wisseRatlosigkeit,wie dasWerkdes ausBrünn stammendenSchriftstellers zu
bewerten sei. Das von „Absonderlichkeiten strotzende Buch“ verkörpere den
„Typus des Dekadenten, Bleichen, Müden und Aparten um jeden Preis“, ent-
behre aber nicht der „lyrischen Stimmung“, die immerhin „Bruchstücke aus
einemDichterherzen“darstellen, soder aufdie fragmentarischeFormder Inté-
rieursanspielendeSchlusssatzeiner insgesamtnegativenKritik.180
Seit der Veröffentlichung seiner ersten Gedichtsammlung im Jahr 1893 war
Schaukalmit demVorwurf desEpigonal-Modischenkonfrontiertworden; er segle
im„FahrwasserderModernsten,derTagesrealisten“,heißtesetwaimJuni1893 in
der ZeitschriftDie Lyra. Ermüsse sich andereMusterwählen, „umnicht in dem
breitenSumpfemodernerGewöhnlichkeit“zuversinken.181
Rilkeentzogsichzwölf JahrespätereinemeindeutigenUrteil.Erbezeichnete
Schaukals 1904veröffentlichteSammlungausgewählterGedichte zurückhaltend
als „gutes Buch“, spielte aber ironisch auf die poetische Prätention des Verfas-
sersan:„[J]eöfter ich las,destodeutlicher fühlte ichdas feineundgleichmäßige
KorndieserSilben,diewiedurcheinSiebausFrauenhaargegangenwaren.“182
WiedisparatdieEinschätzungenundMeinungenum1900darüberausfielen,
welcheLiteraturalsmodernzuklassifizierenundwasdieModerneüberhaupt sei,
belegtaucheine1906veröffentlichteRezension inderBadenerZeitung.Dortheißt
es, Schaukal seimit seinemErinnerungsbuchGroßmutter auf den „Irrwegen des
modernenGeschmacks gewandelt“, es hätten ihndie „Irrlichter der literarischen
Secessiongenarrt.“183RudolfZauzalurteilteebenfalls inderBadenerZeitung fast
zwei Jahrzehnte später zwarwohlwollender,wählte für seineBesprechungaber
einennichtminder paradoxenModernebegriff: SchaukalsHoffmann-Biographie
179 Vgl.Hauser:RichardSchaukal.„LebenundMeinungendesHerrnAndreasvonBalthassar
[sic!], eines Dandy und Dilettanten“. In: Neue Freie Presse, Nr. 15345 (12. Mai 1907), S. 35,
sowiediepositiveKritiküberLiteraturundGiorgione in:NeueFreiePresse,Nr. 15277 (3.März
1907),S. 37.
180 F.D.: Interieurs ausdemLebenZwanzigjähriger vonRichardSchaukal. In:Westermanns
illustrirtedeutscheMonatshefte,Bd.91 (1901/1902),S. 160.
181 N.: Neues lyrisches Allerlei aus Deutsch-Oesterreich. In: Die Lyra, 16. Jg., Nr. 17 (1. Juni
1893),S.7.
182 Rilke: Ausgewählte Gedichte. Von Richard Schaukal. In: Die Zukunft, Bd. 51 (1905),
S. 39–40.
183 Peter Enslein: Literarische Kreuz- und Querzüge. XI. In: Badener Zeitung, Nr. 90/1906
(10.November1906),S. 1–4,hierS. 1–2.
136 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik