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und in seinem „Aesthetentum [. . .] gründlicher, radikaler alsmancher andere“
sei.DieVerbindungvon jenenMerkmalen,dieBourdieu inobjektivierteund in-
korporierte unterteilt, lag für denVerfasser des Artikels in SchaukalsWunsch
begründet, die schöne Form der Literatur auf alle Lebensbereiche auszudeh-
nen: „Erwill nicht bloß eine schöne Prosa schreiben, sondern auch die Hand
mitdenwohlgepflegtenFingernägeln,diedieseProsaschreibt, soll auchschön
sein.“189
Eine Zeitschrift von großer Reichweite, die sich ebenfalls kritisch mit
Schaukals gesellschaftlicher Rolle auseinandersetzte, war die sozialdemokrati-
scheArbeiter-Zeitung, dieam9.April 1908dasNostalgiebuchGroßmutter rezen-
sierte. Die literaturkritische Betrachtung entwickelt sich zu einer ideologisch
durchdrungenenAnalyse vonSchaukals elitäremDichterhabitus. Der anonyme
Verfassermokiert sich über den larmoyanten Ton vonGroßmutter, die Vergan-
genheitsverklärungseiAusdruckeiner„Melancholieder Impotenz“, dieVerglei-
che zwischender guten alten Zeit undderGegenwart seien schlichtweg schief.
Dennals„TypusderVergangenheitwirdnämlichgewöhnlichdasMitgliedeiner
ruhigen, reichen Patrizierfamilie hergenommen, dem dann ein Proletar [sic!]
vonheute gegenübergestelltwird.“190 Schaukal zeichne somit nichtmoralische
oder gesellschaftliche Entwicklungen nach, sondern entwerfe ein negatives
TelosdersoziostrukturellenTransformationseitdemEndedes19. Jahrhunderts.
Es stelle sichdieFrage, soderVerfasserweiter,warumSchaukal inGroßmutter
keinKapitelüberdasLesenverfassthabe,zumal ihmdie„Lesefreude“wohlver-
leidetwordensei,„seit sieganzdemokratisiert ist“,denn:
Der Dandy empfindet ja nur jenen Genuß, der einem gesellschaftlichen Vorrecht ent-
springt. Welche Ströme von Behagen fließen aber aus Büchern mitten ins Volk! Das
Lesen, einvielhöhererGenußalsdasTheater [. . .], istnunwirklich längst eindemokrati-
schesVergnügengeworden,undzwardasedelste. SeitGroßmuttersZeitenhat sichdarin
freilichvielgeändert–abernichtzumSchlimmeren.191
Die Kritik endet mit der Bemerkung, dass von Schaukal momentan viel die
Redesei,weil er„MitarbeiteransämtlichendeutschenZeitungen ist.“Derdich-
tendeMinisterialbeamtewar also nicht nur aus einer ästhetischenAbwehrhal-
tung heraus zum Feindbild der Arbeiter-Zeitung avanciert, er wurde auch
aufgrundseineskulturpolitischenWirkensalsBedrohungwahrgenommen.Die
189 M.N–r.:EinEigenbrötlerderModernen,S. 16.
190 st. gr.:DieBücherdesdeutschenHauses. In:Arbeiter-Zeitung,Nr. 99/1908 (9.April 1908),
S. 1–2.
191 st.gr.:DieBücherdesdeutschenHauses.
138 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik