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verstärktwährenddesWeltkriegeszubilden.ZählteSchaukal 1910nochzuden
Autoren des Sturm, veröffentlichte Albert Ehrenstein 1914 in demselbenOrgan
diebereitserwähnte, zuerst imPesterLloydabgedrucktegroßeAbrechnung,die
der Kraus-Schülermit der gesamten ihm zur Verfügung stehenden satirischen
Energie munitionierte.195 Schaukal, schreibt Ehrenstein mit Blick auf dessen
1913erschieneneMärchenvonHansBürgersKindheit, seider„Talentvollsteund
Genieloseste“ unter den zeitgenössischen Dichtern. Er imitiere beliebig Otto
Stoessl, Ernst Weiß (1882–1940) und Hermann Graedener (1878–1956), sei im
Prinzipabervorallem„einandererHofmannsthal“.SchaukalsWerkeüberhaupt
zu drucken, käme reiner Papierverschwendung gleich, denn „wir haben es in
diesemBrünnerDichternämlichmiteinerArt literarischemTierstimmenimitator
zu tun, einemroutiniertenFregoli undVerwandlungskünstler“. Schaukal gehe,
soEhrenstein, zurStilfindung„nachEichendorff aufsLand“undsein „momen-
tanesStilsurrogat istalseintrefflichesBiedergemeieranzusprechen.“196
Die Kritiken über Schaukals Werk und seine Person drückten bisweilen
auch die Befürchtung aus, dieser stünde kurz vor dem literarischen Durch-
bruch. So veröffentlichteder demPragerKreis umMaxBrod (1884–1968) nahe
stehendeCamillHoffmann(1878–1944) 1912eineRezension inderNeuenFreien
Presse, die Schaukals Position im literarischen Feld als nicht greifbar bezeich-
net. Er ziehtdie vorausblickendeBilanz,dassdieser ein „zwar reichlichbegab-
ter, aber von aller Gnade verlassener Literat“ bleiben würde, sollte er seine
PosedesüberheblichenKritikersnichtüberwinden.AnsonstendroheSchaukal
als „Könner“ zu enden, „der freiwillig verarmt“. FürHoffmanngründet Schau-
kals Isolation in dessen produktivem Zorn, den er jedochmit herablassender
Gleichgültigkeit zukaschierenversuche:
Schaukal hat kein beschauliches, stilles, versöhnliches Temperament. Er tut sichGewalt
an. Er lebt von Impetus, von polemischer Kraft, von Unbeständigkeit, Laune, Unbe-
herrschtheit – doch er findet es nobler, die nachdenkliche, ‚abgeklärte‘weisheitsvolle
Pose zur Schau zu trage. Dieser Zwiespalt zehrt an ihm,macht ihnwirklich so unglück-
lichundeinsam,wieessovieleseinerVersesagen [. . .].197
Nach 1918 erfuhr Schaukals Präsenz als negativeswiepositivesObjekt vonRe-
zensionen und Aufsätzen einen langsamen, aber kontinuierlichen Rückgang.
195 Vgl. Ehrenstein: Oesterreichische Prosa. In: Pester Lloyd, Nr. 189/1913 (10. August 1913),
S. 33–34.
196 Ehrenstein:ÖsterreichischeProsa. In:DerSturm(1914),S.99.
197 Camill Hoffmann: „Neue Verse“ (1908 bis 1912) – „Beiläufig“. Zwei Bücher von Richard
Schaukal. In:NeueFreiePresse,Nr. 17365 (25.Dezember1912),S. 112.
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik