Seite - 143 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Bild der Seite - 143 -
Text der Seite - 143 -
Auch in einem im Jahr darauf verfassten Brief zählte Zweig Richard Schaukal
zudenüberschätztenDichternderGegenwart.DasSchreibengreift die–mehr
Hesse als Zweigbetreffende–VerunsicherungeinerDichtergenerationauf, die
mitdemgeschriebenenWort ihreExistenz sichern,dabei aberkeinemoralisch-
ästhetischenAbstrichemachenwollte:
HermannHesse ist heute einerder Ersten inDeutschland, ein JungerundGroßer,mehr
Dichter als Holz und Bierbaum und Schaukal und Otto Ernst und alle, die heute mit
klappernden Glockenschwengeln ins Land geläutet werden. Sind das nicht auch Er-
folge,wennFischer einenRomanacceptiert? Ichwollte ichwäre schon soweit!Wollen
Siematerielle Erfolge? Auch diesewerden nicht ausbleiben, denn Ihre Bücherwerben
Freunde; dieGabe, die Siemirmit IhrenWerkengespendet haben, hat schonvierfache
Zinsen getragen, hat Ihnen vier Exemplare abgesetzt und achtfache, zwanzigfache Be-
wunderungundVerehrunggebracht. IchweißFreunde,dieVersevon Ihnenauswendig
können– ichkannauchnichtwenige–undsie recitieren,wennmanvongutenWerken
spricht. Ichglaube,Sie sitzenzusehr imSchwarzwald,umdasalleszuwissen.206
WieHesse standauchZweigamBeginneinergroßenKarriere, diedurchseinGe-
schickalsNetzwerker,durchdiegroßbürgerlicheHerkunftundnichtzuletztdurch
seinTalentalsÜbersetzerundSchriftstellerbegünstigtwurde.Seit 1906warermit
eigenenWerken sowie als Herausgeber undÜbersetzer Autor des renommierten
Insel-Verlags–das Sehnsuchtsziel der dichterischenAmbitionenRichard Schau-
kals. Umso erstaunlichermutet dessen erste Reaktion an, als Zweig im Frühjahr
1914 in einemoffiziellen Schreibenmit demgewichtigen Briefkopf des Leipziger
Verlagshauses den Empfänger um dessenMitarbeit an einer vom französischen
Verleger autorisierten deutschen Gesamtausgabe der Gedichte Paul Verlaines
bat.207DaSchaukalnicht reagierte,wiederholteZweig ineinemweniger formellen
SchreibenseinAnliegen:
SehrverehrterHerrDr.ZumeinemBedauern ist sowohlmeinealsdes Insel-VerlagsAuffor-
derung, an unserer großen Verlaine Ausgabe mitzuarbeiten, ohne Antwort geblieben.
Ichmöchteheutenurnoch sagen,wie leid esmir täte,wennwir Ihre so schönenÜbertra-
gungenbeidiesemWerkeentbehrenmüßtenundwiewichtigesdochfürdieseÜbertragun-
gen selbstwäre, daß sie in dieser FormeinemweitenKreise vermitteltwürden. Der Insel-
Verlag hat vondem französischenVerleger alle Rechte auf die einzelnenWerkeVerlaines
sowiedieAusgabeeinerAnthologie erworben, sodaßausserdenschonbestehendeneine
neuebis [Wortdurchgestrichen]Ablaufder gesetzlichenSchutzfrist nichtmehrerscheinen
206 Brief Zweigs an Hesse, 1. November 1903, in: Michels (Hg.): Hermann Hesse – Stefan
Zweig:Briefwechsel,S. 24.
207 Brief Zweigs beziehungsweise des Insel-Verlags anSchaukal, datiert auf Frühling 1914,
S-NL,WB. 4 Übersetzer-undAnthologiennetzwerke 143
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik