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kann. Nur daß diese eine würdige wird, ist nunmeine Sorge undMühe, die mich auch
dringlichverpflichtet,SienochmalsumIhreBeteiligungzubitten.208
DaraufhinverfassteSchaukal eineaufwendigeAbsage indreihandschriftlichen,
einer maschinengetippten sowie einer auf offiziellem Briefpapier übertragenen
Fassung. Da sich auch diese nicht unterschriebene Letztversion im Nachlass
Schaukalsbefindet,ZweigdieAbsageabersichtlicherhaltenhat,handelt essich
dabei entwederumeineKopieoderumdas retournierteOriginal.Die akribische
Vorgehensweise belegt jedenfalls, dass es sichdabei umkeine gewöhnlicheRe-
aktionaufdieAnfrageeineswenigerprestigeträchtigenVerlagshauseshandelte,
wiesiebeiSchaukal regelmäßigeinlangten. Indemaufden3.Mai 1914datierten
Brief begründete er das Ausbleiben einer Antwort so ironisch wie selbstsicher
mit demHinweisdarauf,dass eraufunpersönlicheEinladungennicht reagieren
zu müssen glaubte; er wolle nun aber, da Zweig insistierte, seine Ablehnung
näher begründen. Erstens sei er enttäuscht, dass die Einladung in Form eines
standardisierten Schreibensunddemzufolge auchan eine ganzeReiheweiterer
Übersetzer ausgesandt worden sei. Zudem befürchte er, seine Nachdichtungen
könntenihrekünstlerischeEigenständigkeitverlieren,wennsie ineinerAntholo-
gie erscheinen, ander sich ebendiese anderenDichter beteiligten. Schaukal sah
die Einheit durch ein beliebiges Nebeneinander unterschiedlicher Beiträger
durchbrochen,wodurchder„tiefereSinnkünstlerischerNotwendigkeit“nichter-
fülltwerde. Zudemäußerte er urheberrechtlicheBedenken, daGeorgMüller die
Rechte seiner Übertragungen bereits erworben hatte. Nicht zuletzt fürchtete
Schaukal–berechtigterweise,wiederweitereSchriftverkehr zeigt–, dassdurch
seineBeiträgediezweijährigeSperrfrist fürdieHerausgabeeinereigenenprojek-
tiertenVerlaine-Anthologie inKraft trete.209
Schaukals anfängliche Skepsis ist also nicht allein mit einem empfindli-
chenKünstlerego zubegründen. SeineEinwändewarenauchästhetischer und
vor allemvermarktungsstrategischerNatur. Zweig äußerte am5.Mai 1914 sein
BedauernüberdieAbsageundversuchte,mit einer aufSchaukalsHabitusund
Mentalität abgestimmtenArgumentation, denDichter doch noch zurMitarbeit
zubewegen:
SehrverehrterHerrDoktor, ichzögerenicht, zu sagen,dass IhreAbsagemirungemeinbe-
dauerlich ist.AnweitereKreiseherantretend, inderAnnahmeundAufnahmeaberaufden
engstenbeschränkt,dender relativenVollendung,wolltedieseAusgabedieFrageendgül-
tig stellen (viel eher als sie beantworten) ob lyrischeNachbildungüberhauptmöglich ist.
SelbstdieGewissenhaftesten,wieRilke,habensichdurchdieseAufgabediesmalangereizt
208 BriefZweigsanSchaukal, 2.Mai 1914,S-NL,WB.
209 BriefSchaukalsanZweig,3.Mai1914,S-NL,WB.
144 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik