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IchhabemitdemI.V. [Insel-Verlag]keinenTerminvereinbart,weil ichnichtabschließe,
ohnedaß ichetwaswirklichRepräsentatives fürunseredeutscheSprachculturvonheute
sehe. Ich habe keinerlei Honorar mit ihm vereinbart, um immer noch zurücktreten zu
können, falls das Resultat mir nicht genügt und die Vollendung und Verantwortung
einemandern zu überlassen. Die Zeit ist vorbei, wo ich leicht anDinge herangieng und
ichspüredieVerantwortung,dieeinedefinitiveFormungfordert.214
Zweigwiederholte dasAnsuchenumMitarbeit, äußerte dieHoffnung, dassdie
Ablehnung keine künstlerischenGründehabe und garantierte, dass er die Ge-
dichte sensibel auswählen und auf Schaukal als Urheber dezidiert eingehen
werde. Zuletzt stellte er in Aussicht, dass SchaukalsVerlaine „vielleicht dann
gesondertalsganzesbeider Insel erscheinen“oder„eineFormnebendergros-
senAusgabegefundenwerdenkönnte.“DiesenSatzhatSchaukal rotunterstri-
chen,eventuellwarerausschlaggebenddafür,dassderkapriziöseBriefverkehr
eineneuerlicheWendungerfuhr.UnterderBedingung,dassdieRechtebei ihm
bleiben, zog er schließlich seineAbsage zumzweitenMal zurück. Zweig über-
brachte daraufhin die Gegenforderung aus Leipzig: eine eigene Verlaine-
Ausgabedurfte–wieSchaukal zuBeginnbereits befürchtet hatte– frühestens
zwei Jahre nach der von Zweig bei der Insel herausgegebenen Anthologie er-
scheinen. Zugleich versprach Zweig aber, auf Schaukals Nachdichtung geson-
dert hinzuweisen, den Text würde er ihm sogar vorab „zur Begutachtung
vorlegen.“ErhegekeinenAnspruchaufdas„Monopol“anVerlaine-Übertragun-
gen undbefürworte ausdrücklich das Erscheinen von Schaukals selbständigem
Übersetzungsprojekt.215DadieVeröffentlichungderGedichtausgabeaufdas Jahr
1915 anberaumt wurde, wäre er ab 1917 „in keinerWeise mehr gebunden. Ich
hoffedieVerhandlungen [sind] jetzt abgeschlossen:wiralledrei [auchder Insel-
Verleger Anton Kippenberg, CM] sind wohl froh, künstlerische Bemühungen
nichtmehrdurchrechtlicheFragengehemmtzuwissen“, soZweig imvermutlich
letztenBrief vor Kriegsausbruch, der dasProjekt dannohnehin für sieben Jahre
zumErliegenbringensollte.216
Am 7.Mai 1921 nahmZweig erneut Kontakt zu Schaukal auf und erhielt
postwendend die Zusage, an der Verlaine-Anthologie mitzuwirken. Dann
ging alles sehr rasch, Korrekturbögen wurden trotz des eingeschränkten
postalischenVerkehrs, der,wie in denBriefen steht, auf die Einstellungdes
214 BriefZweigsanSchaukal, 25.Mai 1914,S-NL,WB.
215 BriefZweigsanSchaukal, 25.Mai 1914,S-NL,WB.
216 Brief Zweigs an Schaukal, undatiert, S-NL,WB. DieWB datiert den Brief auf 1912, was
wohlein Irrtumist.VermutlichstammterausderZeitFrühling/Sommer1914.
4 Übersetzer-undAnthologiennetzwerke 147
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik