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Bereits 1905, also zu einer Zeit vermehrt einsetzender sozialistischer Bil-
dungsbestrebungen, die im selben Jahr zur Eröffnung der ersten Abendvolks-
hochschuleEuropas imOttakringerVolksheim führte, fragteHeleneScheu-Riesz
(1880–1970)bei Schaukal an, oberaneinerAnthologie „künstlerischwertvoller
Jugendschriften“mitwirkenwolle. Nach anfänglicher Zusage lehnte der Dichter
zwar ab, allerdings nicht, weil die Ausgabe unter dem „Protektorat desWiener
Volksbildungs-Vereins“ stand,wieScheu-Rieszschrieb, sondernaufgrundzuge-
ringer Honoraraussichten.227 Ein knappes Jahr später verzichtete hingegen der
SchriftstellerundKritikerArthurRoessler (1877–1955) vonsichausauf einenan-
gefragten Beitrag Schaukals für die Monographien-Sammlung Die Frau, da
SchaukalsHonorarforderungenzuhochwaren.228
Die allgemeinePolitisierungundsoziale Segmentierung inallenBereichen
desgesellschaftlichenLebens intensivierte sichvor allemnach 1918undbetraf
auchRichardSchaukal.SeinWirken indensichüberschneidendenFeldernBil-
dungundLiteraturverdeutlichtdiezunehmende ideologische Instrumentalisie-
rungseinerDichtungund(imSinneGramscis)AssimilierungseinerPerson.Die
Felder imsozialenRaumtransformiertensichzuAustragungsortendivergieren-
der Weltanschauungen von Parteien, die nicht nur um politischen Einfluss,
sondern auchumkulturelleHegemonie stritten. Schaukalwar,wie bereits an-
gedeutet, anden ideologisch-kulturellenMachtkämpfenderZwischenkriegszeit
beteiligt. Diese Konflikte fanden vermehrt im kulturellen Bereich statt und
betrafen3 auch die seit Jahrhunderten das literarisch-künstlerische Feld stark
beeinflussendeZensur.Am30.Oktober 1918konsolidiertedieRepublik ihrFrei-
heitsbestreben mit der per Dekret erlassenen Abschaffung der Zensur. Auch
wennstrafrechtlicheVerstößenachwievorgeahndetwerdenkonnten,„schien
doch endgültig ein Hemmnis des geistig-kulturellen Lebens beseitigt, das im
19. JahrhundertderEntwicklungdesösterreichischenVerlagswesensundBuch-
handels imhöchstenMaßehinderlichgewesenwar.“229WasAutorenwieHugo
Bettauer als liberalen Meilenstein für die publizistisch-literarische Tätigkeit
empfanden, betrachtete Schaukal als kulturelle wiemoralische Degeneration.
Ende der 1920er Jahre entbrannte ein regelrechter Kampf, bei dem auf der
einen Seite die Forderungnach einemSchmutz- und Schundparagraphen laut
wurde, gegen den auf der anderen Seite Schriftstellerorganisationen schluss-
endlicherfolgreichprotestierten.230
227 BriefeScheu-Riesz’anSchaukal,8. Juni, 14. Juniund21.August 1905,S-NL,WB.
228 Vgl.denBriefRoesslersanSchaukal, 12. Juni1906unddenvonSchaukalunterzeichneten
Vertrag imS-NL,WB.
229 Bachleitner/Eybl/Fischer:DieGeschichtedesBuchhandels inÖsterreich,S. 248.
230 Vgl.Bachleitner/Eybl/Fischer:DieGeschichtedesBuchhandels inÖsterreich,S. 248.
150 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik