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Kardinal Gustav Piffl (1864–1932). Kraliks Einladung war gleichbedeutend mit
der Aufforderung, sich demkatholischen Bund anzuschließen. Doch in Schau-
kalsNachlass findensichkeineBelege für eineTeilnahme.DieGralbund-Treffen
waren stets auf denselbenWochentag (dienstags) und die gleicheUhrzeit (zwi-
schen6und8Uhr)angesetzt.Dies scheint Schaukal vergessenoder ignoriert zu
haben, denn er lud seinerseits Kralik für Dienstag, den 10. Juni 1924, zu sich
nachGrinzingein.Dieserantworteteam6.desMonatsmiteinerAbsage,diezwi-
schenVorwurfundneuerlicherEinladungschwankte.Kralikbetonte,dass jeden
Dienstag„VorträgemitDebatte“ in seinerWohnungstattfänden,dasTreffenam
10. Juni sei bereits das zweihundertzehnte seinerArt.296 Schaukals Interesse am
Gralbund und an den gemeinschaftsstiftenden Zusammenkünften in Kraliks
Wohnungdürftenicht sonderlichgroßgewesen sein.AuchbeimThema Journa-
lismuswarenSchaukalundKralikbeiweitemnicht immer einerMeinung. Zwar
einigten sie sich darauf, dass auch der katholische Journalismus reformiert ge-
höre, doch störte Kralik offenbar Schaukals Antihaltung, die sich auch gegen
solche Gruppierungen richtete, die in ideologischen Fragen mit der Linie des
Dichtersübereinstimmten.Am27.Dezember1920schriebKralik:
BedenkenSie,daßSie sichdochselberalsüberdenParteienStehender erklären!Damit
können Sieweder die Katholiken noch die Juden gewinnen.Manche Ihrer Bücher und
Gedichte sindgewißnicht sehr katholisch; das tutmirnichts, abermankannSie dann
nicht so unbedingt den Katholiken als katholischenDichter empfehlen, wieman gern
wollte.297
ErkritisierteaußerdemSchaukalspositiveErwähnungdes insbesondere inden
1840er Jahren aktiven Schriftstellers und evangelisch-lutherischen Geistlichen
Karl Stöber (1796–1865) imGewissen, womit er der Zeitschrift eine für Katholi-
ken inakzeptable protestantischeAusrichtung verliehen hätte. Im selben Brief
übte Kralik auch Kritik an Alois Essigmann, der zu den wenigen Vertrauten
Schaukals zählte. Dieser könnemit SchaukalsGedankenwelt nicht Schritt hal-
ten. Konflikte bestandendemnachnicht nur zwischen ideologischdivergieren-
denAkteuren,sondernauch innerhalbderselbenInteressensgruppen.
Schaukal suchte in den 1920er Jahrenüber denKontakt zuKralik letztlich
aber auchAnschluss andieder ChristlichsozialenPartei nahestehendeReichs-
post. Er hatte begriffen, dass sich nach 1918 alle Sphären des öffentlichen Le-
bens politisiert hatten298 und näherte sich daher dem christlichsozialen Lager
296 BriefKraliksanSchaukal,6. Juni 1924,S-NL,WB.
297 Brief Kraliks an Schaukal, 27. Dezember 1920, S-NL,WB;Hervorh. imOrig. als Unter-
streichung.
298 Vgl.Timms:DynamikderKreise,S. 151.
5 Vereine,VerbändeundOrganisationen 167
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik