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(1867–1931) zu veröffentlichen; er machte früher als andere auf ThomasMann
und JakobWassermannaufmerksam,publizierte 1900 inderZeitschriftDie Insel
eine Beschreibung von Velázquez’ Portrait eines spanischen Infanten, vergaß
1899/1900 imLitterarischenEchoaber auchnicht, FerdinandvonSaarsNovellen
ausÖsterreich zu rezensierenund imselbenText Invektivenüber seinedichten-
den Zeitgenossen auszuschütten. Themen, Verfahren und Publikationsorgane
weisenauf einen imKontext derModerne angesiedeltenAkteur hin.Dies impli-
ziert eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit historischen wie zeitgenössi-
schenKünstlernundGeistesgrößen.VonSchiller (mehrmals zwischen 1904und
1927) bis Kokoschka (1912) undNietzsche (unter anderem 1929 und 1932) reicht
Schaukals buntes Essaypanorama,wobei seineOrientierunganbildungsbürger-
lichenWerken undDichtern der deutschenKlassik undRomantik, amösterrei-
chischen Biedermeier, aber auch an der Dekadenzliteratur des ausgehenden
19. Jahrhundertsprävalent ist.Die zeitgenössischeDichtungwirdmitderälteren
verglichenund,abgesehenvoneinpaarwenigenAusnahmenwieRilke (derspä-
terauchmitKritikbedachtwurde),abgewertet.
AusSichtderKanontheorieundKlassikforschungwarSchaukalalsKritiker
ein Förderer literarischer Kanonbildung. Dabei zielte seinWirken nicht darauf
ab, bereits etablierte Klassiker wie Goethe, den er verehrte, zu propagieren.
Seine Autorität als Kanon-Agent suchte er vor allem auch über die Beschäfti-
gung mit Dichtern wie Eduard Mörike (1804–1874) und Heinrich von Kleist
(1777–1811). Der Fokusüber denRahmenderRomantik undKlassik hinaus ge-
hörte zu seinerStrategie alsLiteraturvermittler, der auchdieNamenzeitgenös-
sischerdeutschsprachiger sowie französischer Schriftsteller derdécadenceund
desSymbolismus inUmlaufbrachte.
Vorallemaber istSchaukalalsAgentseinerselbstzubezeichnen.DieRezen-
sionen dienten ihm als Bekenntnismedium, das seine Position im literarischen
Feld indirekt festigen sollte. Ausführungen zu Inhalt und Tragweite eines be-
stimmtendichterischenWerkesmündeten inÄußerungenüberSchaukal. Indem
Bezüge zuprestigeträchtigenDichternauf redundanteWeisehergestelltwurden
und bei seiner eigenen Person ihren argumentativen Zielpunkt erreichten, ver-
folgte er bewusst die Strategie der Selbsterhöhung und Selbsteinschreibung in
Diskurse literarischerRelevanz.AufdietheoretischenAusführungenvonJanAss-
mann rekurrierend kann von einer Stabilisierung des eigenen Schaffens im
Fahrwasser der Traditionen gesprochen werden.320 Schaukal untermauerte mit
dem poetologischen Bezug auf mustergültige Schriftsteller seine Kunstauffas-
sung, verglichsichmit ihnenoder stilisierte sichals ihr ästhetischerNachfolger.
320 Vgl.Assmann:DaskulturelleGedächtnis.
6 SchaukalsNetzwerktätigkeitenalsKanon-Agent 173
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik