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sich Brod an seinen Besuch bei Schaukal in der Spiegelgasse 1, der dort über
MarievonEbner-EschenbachsStadtwohnungeinApartmentbewohnte.
Ichglaubemich (ganzundeutlich)daranzuerinnern, daß ichals ganz jungerMensch in
dem Eckhaus Spiegelgasse 1 – Graben, als ich dort klopfenden Herzens meinen ersten
Besuchbei Richard Schaukalmachte, in einem tieferen Stockwerk an einemmetallglän-
zenden Türschildchen vorübergeschritten bin, das ganz unglaubhafterweise, aber doch
wirklich denNamen ‚Marie vonEbner-Eschenbach‘ trug.Mein ehrfürchtigesVorbeigehn
kammir wie ein Traumausflug ins Land der klassischen Dichtung vor und erhöhte da-
malsdasPrestigeSchaukalsundWiens inmeinenAugenganzgewaltig.372
7.3 DieGrandeDamederLiteratur:MarievonEbner-Eschenbach
Marie von Ebner-Eschenbach, mit der Schaukal ab 1902 bis zu ihrem Tod im
Jahr 1916 sowohl persönlichenUmgangpflegte als auch inBriefkontakt stand,
zählte zudenprestigeträchtigenAkteurenseinesNetzwerkes.Bisheuteverstär-
ken ihrNameunddie andenmehr als 40 Jahre jüngerenDichter adressierten
Briefe seine symbolische Bedeutung. Zu Schaukals Lebzeitenwar der Kontakt
allerdings von keinem großen Nutzen für dessen beruflichen oder künstleri-
schenWeg.AlssichderBeamteumeineBeförderunginsUnterrichtministerium
bemühte und dabei die ihm zur Verfügung stehenden literarischen Kontakte
aktivierte (so auch den zu Ferdinand von Saar), sah Ebner-Eschenbach von
einer Interventionab.373
Wie die von Claudia Girardi veröffentlichten Tagebucheinträge Schaukals
undBriefeandieSchriftstellerinbelegen,warauchdieästhetischeVerbindung
nichtungetrübt.Ebner-Eschenbachbezeichneteden jungenBesucherbeimers-
ten Treffen zwar großmütig als Kollegen und sprach ihn auf seinen Aufsatz
überFerdinandvonSaar an.DochSchaukal fühlte sichmissverstanden,wie er
imTagebuchfesthält,dennderEssaywolltekeineGegenüberstellungvonDich-
tergenerationen zeigen – so Ebner-Eschenbachs Lesart –, sondern von Künst-
lernundNicht-Künstlern.374
SchaukalnahmdennochgerndieRolledesliteraturkundigenDialogpartners
und Informanten ein, der mit Ebner-Eschenbach über Grillparzer und die ge-
schätztenRomantiker–allenvoranNovalis (1772–1801)– fachsimpelte,aberauch
dieNamenThomasMann,PeterAltenbergoderGerhardOuckamaKnooperstmals
indiemährischeRunde trug.Er las indenadeligenKreisendesmährischenOrtes
372 Brod:DerPragerKreis,S. 18.
373 Vgl.Girardi:MährischeSalonkulturamBeginnder literarischenModerne,S. 756.
374 Vgl.Girardi:MährischeSalonkulturamBeginnder literarischenModerne,S. 746–747.
7 PositionenundNetzwerkederNeuromantik 185
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik