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GedichtGedankennichtenthaltendürfe. Ichhabe ihmtrotzdemeinigedeinerGedichtevor-
gelesen.Langehielt er standu.bliebablehnend.Alsaber„Myrrhen“andieReihekam,da
gestand er: Ja! Jetzt hat esmich überlaufen! Ja, das ist eine Dichterin!381 Zur Belohnung
bekommt erDeineGedichte. Dir schicke ich seinen letztenBand, u. sagenmuß ichnoch,
daßereinwohlerzogener,netterMenschist.Fürsehrgescheithalte ich ihnnicht.382
Mit dem Vermerk, es handle sich bei Schaukal um einen „[H]ochmodernen“,
legte Ebner-Eschenbach dessen „Notiz“, also denVerriss des jungenKritikers,
demBriefanJosephineKnorrbei.383
Trotz der ästhetischenwiepersönlichen InterferenzenundobwohlMarie von
Ebner-Eschenbach,diekeineökonomischenwiesymbolischenProfilierungsbestre-
bungenimliterarischenFeldmehrverfolgteundwederals literarischeInformantin
nochalsVermittlerinfürSchaukalvonNutzenwar,bliebderKontaktbestehen.Die
gesellschaftlicheAnbindungalsSelbstzweckgenügtedemAdelsaspiranten.DieZu-
gehörigkeit zum Kreis der Ebner-Eschenbach erbrachte kulturelles wie prestige-
trächtigessozialesKapital,wiesichimErinnerungsbuchGroßmutterausdrückt,das
nicht nur Schaukals leiblicher Großmutter, sondern auch der geistesverwandten
Dichteringewidmetist.384
7.4 DiePragerNeuromantiker
Die Prager Neuromantiker spielten vor allem für die literarische Hoffmann-
RezeptioneinewesentlicheRolle,war ihreStadtdochals literarischeProjektions-
fläche prädestiniert für den aus dem nachtseitigen Antirationalismus heraufbe-
schworenenmagischen,groteskenundphantastischenThemenkreis.385
In Schaukals Nachlass finden sich neben Korrespondenzenmit Rilke und
Brod auch Briefwechsel mit Mitgliedern des erweiterten Prager Kreises, mit
Camill Hoffmann, OskarWiener und Karl Brand (1895–1917). Mit GustavMey-
rink (1868–1932)bestandüberKubineineVerbindung, sie,KubinundMeyrink,
381 In einer Anmerkung schreibt Ebner-Eschenbach amunteren Briefrand: „[I]n seinemWi-
derstandzuwackelnhaterangefangenbei ‚LilienundSchwäne‘.“
382 Brief Ebner-Eschenbachs an Knorr, 16. August 1903, in: Tanzer u.a. (Hg.): Marie von
Ebner-EschenbachundJosephinevonKnorr:Briefwechsel 1851–1908,S.568.
383 Brief Ebner-Eschenbachs anKnorr, 11.Mai 1903, in: Tanzer u.a. (Hg.):Marie vonEbner-
EschenbachundJosephinevonKnorr:Briefwechsel 1851–1908,S.578.
384 Im Kapitel „Erwachen der Seele“ beschreibt Schaukal seine Begegnung mit Marie von
Ebner-Eschenbach.Vgl. Schaukal:Großmutter. In:WE.Bd. 1:Kindheitund Jugend.München/
Wien1965,S. 112–193,hierS. 121–123.
385 Vgl.Marquardtu.a.:Hoffmanns literarischeRezeption,S.569.
7 PositionenundNetzwerkederNeuromantik 187
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik