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SchaukalsNetzwerkaktivitätenstießen inBezugaufdieNeuromantik/Hoff-
mann-AkteuregeradedeshalbaufWiderstand,weil er sichdisziplinärbreitauf-
stellte und in übergreifendenFeldern etablierenwollte– also in der Literatur,
PhilologieundKritik–,dievonanderenAkteurenbesetztwaren.
Schaukals Tätigkeiten in jenen Bereichen erbrachten ökonomische wie
symbolische Vorteile (vor allem als Literaturkritiker), haben ihm aber auch
Kapitalverluste eingetragen, wie Arthur Schurig seinem Briefpartner zu ver-
stehen gab. Am28.Oktober 1907 erkundigte er sich bei Schaukal: „Was folgt
auf Balthesser? Es ist ein prächtiges Zeichen, daß lange von Ihnennichts er-
schienen ist. Daswar einer Ihrer größtenFehler, dieses zu viel. Auch scheint
esmir,arbeitenSieweniger fürRevüenundTagesblätter.Das ist auchgünstig
fürSie!“415
Ein Jahr späterwurdeder TondesKontaktmannes zum Insel-Verlagunge-
haltener. Schurig hatte sicher nicht unrecht, als er dem um Vermittlung an-
suchendenSchaukalvorhielt:
Im InselverlaghatmangegenSie intrigiert, höre ich.Daran ist nichtKippenberg schuld.
Das ist ein sehr feiner, charaktervollerMensch. Erweiß,was erwill. Die Schuld liegtan
Ihnen selber, an Ihrer Art zu kritisieren. Ich habe Ihnen sehr freundschaftlich schon oft
gesagt: entweder ist manDichter – oder Kritiker. Niemals verträgt sich beides. Und ge-
rade daß Sie das nicht einsehen, daß Sie nach allen Seiten den Kampfhahnmachen, –
dasverdirbt IhnendasTerrainundwird Ihnen immermehrschaden.416
Schurig riet Schaukal abschließend, er solle seine allzu impressionistische „nutz-
lose kritische Tätigkeit lassen“, da sie nur nochmehr „unbeugsameFeinde“ auf
denPlanrufe.417
DieAktivitätendesNeuromantik-NetzwerkeswarendesWeiterennicht allein
aufWien oder Prag begrenzt. Bis zumErstenWeltkrieg erfolgte der gegenseitige
ästhetischeEinflussundInformationsaustauschzwarhauptsächlichzwischenden
deutschsprachigenLiteratenundForschernausPrag,BrünnundWien.Nachdem
Ende der Donaumonarchie verlagerte sich der Transfer aber von den tschechi-
schen Städten nach Deutschland. Die neuromantische Ästhetik, die bis 1918 im
StädtedreieckPrag, Brünn,Wien zirkulierte, hörte inFolgederneuenpolitischen
Grenzziehungen nicht etwa auf zu existieren, sondern erzeugte ein mythisches
Bild von Alt-Prag, Alt-Brünn und Alt-Wien, das zu gemeinsamen geistigen und
sinnstiftendenKonstituentenavancierte.DiesenProzesskönntemanmitRückgriff
415 BriefSchurigsanSchaukal, 28.Oktober 1907,S-NL,WB.
416 Brief Schurigs an Schaukal, 11. November 1908, S-NL,WB; Hervorh. imOrig. als Unter-
streichung.
417 BriefSchurigsanSchaukal, 11.November1908,S-NL,WB.
7 PositionenundNetzwerkederNeuromantik 195
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik