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bleibender Konstellation zusammengekommen seien. Die lebendige Dynamik
ausWissens- undErkenntnistransfer ließe sichdamit begründen, dass dieAk-
teure unterschiedlichen Kreisen angehörten. Die Gruppen funktionierten wie
„elektromagnetischeNetzwerke“, indenen InformationenundNeuerungenwie
ineinemNervensystemschnell dieRundemachten.422DieseMetapher ist aller-
dings nicht auf alle Gruppierungen derWienerModerne und ihre Akteure an-
wendbar;vorallemdieBegrenzungaufnureinenOrt (Wien)undaufein relativ
unverändertes Personengefüge, die Timms als sich überschneidende Kreisgra-
phiken darstellt,mag auf bestimmte Zirkel zutreffen, etwa auf die Psychologi-
scheMittwochs-Gesellschaft. Doch die Einschränkung auf nur wenige Dichter
in einer überschaubaren Größenordnungwird der internationalen Transferdy-
namik der künstlerischen Felder um 1900 nicht gerecht. Ein elektromagneti-
schesNetzwerkoderNervensystem,aufdasTimmsMetaphorikabzielt, besteht
geradeaus einerVielzahl aufmannigfaltigeWeise verschalteterund in ständig
wechselnder Hierarchie zueinander stehender Knoten. Federico Celestini und
Helga Mitterbauer bezeichnen jenes dynamisch prozessuale Gebilde, in das
Vermittlereingebundensind,sogarals„potentiell endlosesNetzwerk“.423
8.1 Jung-Wien/ Jung-Österreich
Die Komplexität der Zuweisung von Akteuren an künstlerische Zirkel derMo-
derne zeigt sich schonamnicht eindeutig abgrenzbarenKreis literarischer Ge-
nerationen in Österreich beziehungsweise in Wien. Schnitzler verwendet in
seinemTagebuch sowohl dieBezeichnung Jung-Österreich als auch Jung-Wien
fürdieBeschreibung informeller ZusammenkünfteunterschiedlicherPersonen,
beiweitemnichtnurvonDichtern.424
Die laut EduardMichael Kafka (1869–1893) sich aus 42 Schriftstellern zu-
sammensetzende„JungmannschaftÖsterreichs“ stellte einunterschiedlichgro-
ßes, stark variierendes und von diversen Akteuren geprägtes Netzwerk dar.425
AuchSchaukalwurdeundwirdbisweilendieserGruppe, zumindestaber ihrem
422 Timms:DynamikderKreise,S. 16.
423 Federico Celestini undHelgaMitterbauer: Einleitung. In: Ver-rückte Kulturen. ZurDyna-
mik kultureller Transfers. Hg. von Federico Celestini undHelgaMitterbauer. Tübingen 2003,
S. 11–18,hierS. 13.
424 Arthur Schnitzler verzeichnet am2. April 1890undam26. Februar 1891 in seinemTage-
buch Treffen von Jung-Wien beziehungsweise Jung-Österreich; vgl. Arthur Schnitzler: Tage-
buch.Bd. 1879–1892.Wien1987,S. 286undS.318.
425 Greve/Volke (Hg.): JugendinWien,S.96undS.98. 8 WienerNetzwerke 197
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik