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Kritik passt, dass Schaukal seinemGedichtbandTristia (1898) als Spitze gegen
das JungeÖsterreich folgendeWidmungvorausschickte:„FerdinandvonSaar /
ein jungerÖsterreicher /alsZeichen/seinerEhrfurchtundLiebe“.432
Schaukals Aussagen können auch hier wieder als unbewusste Selbstan-
klagegelesenwerden,warerdochebensomehrsprachigerBildungsbürgerund
Nachdichter französischer sowie englischer Werke und somit ein Akteur des
Kulturtransfers. Bereits als Gymnasiast veröffentlichte Schaukal manierierte
Verse, als „frühgereifter“Poet findet er Erwähnung in derDeutsch-Österreichi-
schen Literaturgeschichte von Nagl, Zeidler und Castle, die ihn 1937 als den
erstenmährischenDichterderModernebezeichnet.433
8.2 Abfuhrvom ‚Gründer‘ Jung-Wiens:SchaukalundHermannBahr
Drei Jahre vor der Veröffentlichungdes Saar-Aufsatzes, in demSchaukal Bahr
direkt attackierte, hatte er selbst noch die Nähe zum Literaturvermittler ge-
sucht. Hermann Bahr war bis Mitte der 1890er Jahre damit beschäftigt, sein
„Projekt einer autonomenösterreichischenLiteratur“ imTransfermit der fran-
zösischen Literatur und in Abgrenzung zumBerliner Naturalismus zu etablie-
ren.434 Er datierte das Aufkommen der Bezeichnung Jung-Österreich für „eine
Gruppe, vielleicht eine Schule von jungen, meistWiener Litteraten“ auf circa
1890,435 also auf das Jahr, in demer zusammenmit EduardMichael Kafka die
ZeitschriftModerne Dichtung ins Leben gerufen hatte. DieModerne Dichtung
war dem Naturalismus deutscher Prägung verpflichtet und setzte die ‚neue‘
Linie der österreichischen Literatur unter anderemmit dempoetischenRealis-
mus inBezug.436 ImJuli-Heft kündigteKafkaan,dass„dieösterreichischeDich-
terjugend von heute im vorliegenden Heft zum erstenmal in geschlossener
432 Schaukal:Tristia.NeueGedichteausdenJahren1897–98.Leipzig1898.
433 Eduard Castle, JohannWillibald Nagl und Jakob Zeidler (Hg.): Deutsch-Österreichische
Literaturgeschichte.Bd.4:Von1890bis 1918.Wien1937,S. 1372.
434 Norbert Bachleitner: Eine soziologische Theorie des literarischenTransfers. Erläutert am
BeispielHermannBahrs. In: Ent-grenzteRäume.Kulturelle Transfers um1900und inderGe-
genwart.Hg.vonHelgaMitterbauerundKatharinaScherke.Wien2005,S. 147–156,hierS. 154.
435 Bahr:Das jungeOesterreich. In:KS.Bd. IV:StudienzurKritikderModerne.Weimar2006,
S.70–89,hierS. 75.
436 Vgl.KonradHeumann:Was istmodern?HofmannsthalsPublikationstaktik inEduardMi-
chael Kafkas Zeitschrift „Moderne Dichtung“. In: Tradition in der Literatur der Wiener Mo-
derne. Hg. vonWilhelmHemecker, CorneliusMitterer undDavid Österle unterMitarbeit von
GregorSchima.Berlin/Boston2017,S. 7–37. 8 WienerNetzwerke 199
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik