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„Duft“desFrühlingswindes, der sich zumTodeshaucherhebt. „AndenMond“
(1896, Schaukal) und „Erlebnis“ (1892, Hofmannsthal) sind neuromantische,
vonSynästhesiengeprägteOdenanThanatos.DasersteGedicht„giesst“Mond-
licht„wieausSilberbechern“ indieNacht,einedirekteReferenzaufHofmanns-
thals„silbergrauenDufte“,denderMond„durchWolkensickern“ lässt.478
Stilistische, motivische und stoffliche Parallelen ihrer Dichtung bestehen
wiederumzurLyrikStefanGeorges.479 SchaukalsGedicht „Nixe imWasserfall“
undHofmannsthals „Erlebnis“ und „Vor Tag“ (1907) weisen den im deutsch-
sprachigenRaumbis datoungewöhnlichen vers libre auf, einKennzeichender
modernen, vonGabriele D’Annunzio unddem französischen Symbolismus be-
einflussten Lyrik.480 Die künstlerische Zuneigung zu den idealtypisch verklär-
ten Kunstepochen Renaissance,481 Barock oder Rokoko ist demWerk beider
Dichter eingeschriebenund lässt sichunterandereminHofmannsthals„Prolog
zudemBuch ‚Anatol‘“ (1892) sowie inSchaukals „Rococo“ (1896) nachweisen.
Doch in kontrastiver Abkehr von Hofmannsthals sentimentalischen Versen –
„frühgereiftundzartund traurig“–erscheinen inSchaukalsGedichtender frü-
hen Phase auch Heroenbilder, die sich thematisch auf Mittelalter und Ritter-
lichkeit beziehen und den Dichter als Minnesänger inszenieren.482 „Ritt ins
Leben“ (1899), „Ritterlicher Spruch“ (1897), „Sehnsucht des Knappen“ (1899)
und die mannigfaltigen Schlossmotive stehen charakteristisch für virulente
Verse,diedendekadentenMotivkreiskonterkarieren.483
Mitder literarischenHinwendungzurVergangenheitverarbeitetennichtnur
dieAutorendes JungenWiendenkunstfernenAlltag.HofmannsthalsBriefanRi-
chard Beer-Hofmann (1866–1945) vom 15. Mai 1895 ist das vielzitierte Beispiel
einerumfassendenReflexionüberPositionenundGegenpositionenzumÄstheti-
zismus. Darin beschreibt der Verfasser neben der Vergangenheitsbeschwörung
weitere Überlebensstrategien in einer subjektentfremdeten Welt, die zu dieser
478 Schaukal: März; An denMond. In: Schaukal: Ausgewählte Gedichte. Leipzig 1904, S. 1
undS.6.Hofmannsthal:Vorfrühling;Erlebnis. In:GW.Bd.:GedichteundDramenI.Frankfurt
amMain1979,S. 17–18undS. 19.
479 Vgl. Johann Sonnleitner: Richard von Schaukal. In: Kindlers Neues Literaturlexikon.
Bd. 14. München 1991, S. 866–868; sowie Oesterheld: Schaukal und der George-Kreis,
S. 75–76.
480 Vgl.Pietzcker:RichardvonSchaukal,S. 18.
481 Vgl. CorneliusMitterer:Kunst,Kommunikation, System.RichardSchaukalsRückgriff auf
die Renaissance in „Giorgione“und „Literatur“. In: Tradition in der Literatur derWienerMo-
derne,S. 220–237.
482 Vgl.Pietzcker:RichardvonSchaukal,S.72.
483 Vgl. Schaukal: Ausgewählte Gedichte, S. 25 („Ritt ins Leben“), S. 40 („Ritterlicher
Spruch“),S.80(„SehnsuchtdesKnappen“)undS.81 („EinSchloss“).
208 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik