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in der literarischen Peripherie. Erst 1903 zog er berufsbedingt nachWien, ver-
brachtedannallerdingsdiemeisteZeit seinesLebens imVorortGrinzing.
Abgesehen von Balthesser erregte Richard Schaukal als Literaturkritiker
und Essayist Aufmerksamkeit im deutschen Sprachraum. Doch dies führte
nicht zu einer dauerhaften Festigung seiner Position im literarischen Feld.
Schaukals Beiträge erschienen in renommierten Zeitungen und Zeitschriften
derModerne, trugen aber nicht zu seiner Etablierung indenbedeutenden lite-
rarisch-publizistischenNetzwerkenbei. Ebensowenig resultierte aus seinerTä-
tigkeit unddenAnbindungsversuchen einedauerhafteVermittlung andie von
ihmbevorzugtenVerlagshäuser; erkonnteseinzweifelsohnebeträchtlichesSo-
zialkapital, das im publizistischen Feld auch zu ökonomischem und symbol-
ischem Kapital führte, nicht bündeln und derart einsetzen, dass es ihn zum
Großschriftstellerbeförderthätte.VorallemderKontakt zuFranzBlei zählte zu
dengewinnbringendenVerbindungenSchaukals indenentscheidendenJahren
abcirca 1900.DerLiteraturvermittler zeichnetenichtnur fürdieAufnahmesei-
ner Beiträge in der Zeitschrift Insel verantwortlich, sondern stellte auch die
Weichen zum Insel-Verlag. Ohne Erfolg blieb hingegen Schaukals frühe Kon-
taktaufnahme zu Hermann Bahr, der dieWerke des jungen Dichters nicht in
derZeitveröffentlichenwollte.
Schaukals literarische Kanten weisen in aller Regel uniplexe Strukturen
vongeringerDichteundschwacherBeschaffenheitauf,auchwennsiesichgeo-
graphischwie disziplinär sehrweit und zu vielen unterschiedlichenAkteuren
derModernespannten.ErkannauchnichtalscutpointoderBrückenakteurbe-
zeichnet werden, da er die unterschiedlichen künstlerischen Cluster nicht zu-
sammenführte. Schaukal verfolgtemit seinen Briefen selten freundschaftliche
Zwecke,eher intentionale,die stetsmitderPositionierung imliterarischenFeld
zusammenhingen. Schwache Relationenmüssen aber nicht zwangsläufig von
Nachteil sein.MitBlickaufdenKontakt zwischenSchaukalundThomasMann
lässt sichMarkGranovettersTheorievonderStärkeschwacherBeziehungenfür
einen zumindest teilweise günstigen Informationstausch in beruflichenBelan-
gen erläutern. Der Soziologe konstatiert, dass schwache Beziehungen häufig
Hinweise auf zum Beispiel freie Arbeitsstellen geben. Ganz in diesem Sinne
warenThomasMannsBriefe anSchaukal gespicktmit InformationenüberVer-
lage, Zeitungen, KollegenundRedakteure. Der deutscheAutor verwies auf ge-
eignetere Publikationshäuser, nannte potentielle Veröffentlichungsorganeund
schloss andere für Schaukals Arbeiten aus. Wenn auch seine Interventionen
vor allem zuVerlagshäusern erfolglos geblieben sind, imWissens- und Infor-
mationstransfer der frühen Korrespondenz nahmen Schaukal und Mann zu-
nächsteinegleichberechtigte, symmetrischePositionein.
224 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik