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IndemSchaukal seinenEinflussbereich imZeitungsmetier geltendmachte,
verfügte er über entscheidendes Sozialkapital, das er zur künstlerischen Auf-
wertung der eigenen literarischenWerke heranziehen konnte, also zur Steige-
rung des symbolischen Kapitals. Für Schaukal bedeutete dies, dass er im
sozialenRaumverschiedene, laufendwechselndePositioneneinnahmunddas
als Literaturkritiker gewonneneökonomischeundsozialeKapital auf daskapi-
talarmeFeldderLiteraturproduktionzuverlagernsuchte.Dies ist ihmlediglich
inder frühenSchaffensphaseundmit nurmäßigemErfolg gelungen,was zum
großenTeil auf seine ständigeKonfliktbereitschaft, aufmangelndesTaktgefühl
undeinoft fehlendesGespür fürQuid-pro-quo-Entscheidungenzurückgeht.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik
Schaukals Sakralisierung der Kunst und die anachronistischeHinwendung zu
einemkulturell einflussreichenAdel sindVersuche, dieAutonomie desKunst-
werks zu wahren. Sie stellen eine Reaktion auf die neuen ‚Regeln der Kunst‘
dar,wie sie sich imLaufedes 19. Jahrhundertsdurchzusetzenbegannen.Bour-
dieu beschreibt den wechselseitigen Einfluss von Politik, Industrialisierung
(mächtige Großindustrielle, Zeitungswesen, Buchmarkt) und Salonkultur im
Frankreich Napoleons III. und erläutert, wie diese Institutionen und ihre Ak-
teure ein bestimmtes Feld für die Literatur erzeugten und spezifische Spielre-
geln festlegten.545 Kultur sei eine umkämpfte Sphäre in der sozialenWelt, die
darin tätigen Künstler streben nach ökonomischer Unabhängigkeit, da diese
das Schaffen einzigartigerWerke begünstige. Maßgebliche künstlerische Neu-
erungen, die Bourdieu in seiner Vorlesung über den französischen Maler
Édouard Manet (1832–1883) „symbolische Revolution“ nennt, würden vorder-
gründig von Akteuren mit großem Kapitalvolumen und günstiger Kapitalsor-
tenstruktur initiiert:
Manet ist ein Beispiel dafür, und sicher haben seine Dispositionen zum Revolutionär
damit zu tun,daßer einPrivilegierter ist, undvorallemvielleicht, daßderErfolgderRe-
volution, die er initiiert hat [. . .], nicht vorstellbarwäre, wenn er nicht über viel Kapital
verfügthätte, nichtnurüber akademische, akademischbeglaubigteKompetenz, sondern
auchüber soziales Kapital, über Beziehungenund also über an seine Freunde gebunde-
nessymbolischesKapitalusw.546
545 Vgl.Bourdieu:DieRegelnderKunst,S.83.
546 PierreBourdieu:Manet. EinesymbolischeRevolution.VorlesungenamCollègedeFrance
1998–2000.AusdemFranz.vonBerndSchwibsundAchimRusser.Berlin2015,S. 24.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 225
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik