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bildung und Festigung von Herrschaftsstrukturen determinieren. Ein auf Ein-
zelpersönlichkeitenausgerichteter IdeologismusundderzumhistorischenÖko-
nomismus degenerierte historische Materialismus könnten mit Blick auf den
(kulturellen) Hegemoniebegriff überwunden werden.550 Entscheidend für die
SicherungderHegemonie einerherrschendenGruppe ist die Eingliederung so-
genannter subalterner Klassen. Dies kann in Form von (scheinbaren) Zuge-
ständnissen erfolgen, die mit der Interessenswahrung der dominanten Kultur
übereinstimmen.DieVertretereinerherrschendenoderaufHerrschaftabzielen-
den Klasse sind dann am erfolgreichsten, wenn sie als geschlossene Gruppe
„organischer Intellektueller“ auftreten, das heißt,wenn sich erstens ihre Ideo-
logiemit der ausgeübten (beruflichen) Tätigkeit „verdichtet“und sie zweitens
durchprivates Engagement undnichtmit offiziellenParteiprogrammenandie
„ganze Masse an Intellektuellen“ herantreten, die im Land „verstreut“ und
„vereinzelt“ lebenundnichtorganisiertsind.551DurchdieseArtderVerdichtung,
wie esGramsci nennt, übendie organischen Intellektuellen eine besondereAn-
ziehung auf alle übrigen, nicht-organisiertenMitglieder einer Gesellschaft aus.
DieseWirkungträgtdazubei, jeneVerstreutenvonderRichtigkeit ihrer Ideologie
zuüberzeugen. Dabei ist die Integration einflussreicher Intellektueller (Gramsci
verwendet denTerminus ‚Eroberung‘) für die EtablierungundWahrungderHe-
gemonie ganz entscheidend. Grundsätzlich sei jeder ein Intellektueller – auch
FließbandarbeitsetzedasBewusstseinfürdiemechanischeUmsetzungderTätig-
keitvoraus–, soGramsci.Allerdingsübenicht jeder Intellektuellezugleichauch
eine Funktion aus. Neben den genannten organischen existieren auch traditio-
nelle Intellektuelle, zum Beispiel Kleriker, Philosophen und Künstler. In diese
Intellektuellenkategorie gehören auch Amtsadelige und Wissenschaftler. Jene
seien sichkeiner strukturellenZugehörigkeit bewusstundreklamiereneineSon-
derposition inderGesellschaft,dieaberpseudoautonombleibt,dasiemeist von
derherrschendenKlasse instrumentalisiertwerden.Die vom italienischenTheo-
retikeralsorganischbezeichneten Intellektuellen fühlensichhingegenmit einer
Klasse verbunden, sie entstammen also einemMilieu, dem sie zugeordnetwer-
den können und an das sie angeschlossen bleiben (wollen). Gelingt es einer
nachDominanzstrebendensozialenGruppe,dentraditionellenIntellektuellenty-
pus fürdieVermittlungder Ideologiezugewinnen–Gramscisprichtvon ‚assimi-
lieren‘ –, ist eine entscheidende Grundvoraussetzung für den Erwerb und die
Festigung(kultureller)Hegemoniegegeben.552
550 Vgl.Gramsci:Gefängnishefte.Bd.3 (1992),H.4, §38,S. 502.
551 Gramsci:Gefängnishefte.Bd. 1 (1991),H. 1, §44,S. 101–102.
552 Vgl.Gramsci:Gefängnishefte.Bd.7 (1996),H.12,§ 1,S. 1497–1505.Vgl.DominiqueGrisoni
undRobertMaggiori:GuidaaGramsci.Mailand1975.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 227
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik