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MitseinenkulturkritischenAussagenassimilierte sichRichardSchaukal im
SinneGramscis selbst. Er stellte sichmit seinem literarischenSchaffenundder
ideologischen Energie in den Dienst einer von ihm favorisierten, dominanten
Klasse. Als Kritiker undDichter kam ihmdabei die Funktion des ideologisch-
vermittelnden Intellektuellen zu, der Adel, Klerus beziehungsweise der Christ-
lichsozialen Partei Österreichs kulturelle Hegemonie zuzuschreiben versuchte.
In der Funktion als Kulturvermittler brachte Schaukal seine kulturpolitischen
Intentionen undAuffassungen aktiv ein, aufgrund seiner politischenOrientie-
rung und sozialenHerkunft wurde er von gewissenKreisen im künstlerischen
Feldbeachtet.DieverändertenKontaktenachdemEndederMonarchiebelegen
Schaukals organisatorische Kompetenz als Intellektueller (nach Gramsci), der
auf die „politische Segmentierung der Gesellschaft“Österreichs zwischen 1918
und1933reagierte.
DiepolitischeSegmentierungderGesellschafthatdasKulturverhaltenderMenschen [. . .]
beeinflußtundimSystemderLiteraturvermittlungzurHerausbildungvonideologischde-
finierten Teilmärkten oder besser: marktähnlichen Gebilden geführt; Produktion, Distri-
bution und Konsumation waren hier in einerWeise verkoppelt, die das freie Spiel von
AngebotundNachfrageaußerKraft setzte.553
Fast jederdritteÖsterreicher trat zudieserZeit einerParteibei.554AlleBereiche
undFunktionendesLiteraturbetriebswurdenpolitischbesetzt,wieauchdieer-
wähnte Ernennung Adolf Vetters zum Staatstheaterpräsidenten zeigt, auf die
die Christlichsozialenmit Schaukals Erhebung zumGegenkandidaten reagier-
ten; dies stellt ein Beispiel für die Instrumentalisierung Schaukals und seine
Assimilierung zum traditionellen Intellektuellen im kulturpolitischen Feld Ös-
terreichsnach1918dar.
Schaukals Bekanntenkreis reagierte auf dessen Engagement für die öster-
reichische Idee unterschiedlich. Schurig brachte keinerlei Verständnis dafür
auf, und der um Neutralität bemühte Kubin äußerte ihm gegenüber: „Leider
kommen immerwieder Stunden dazwischenwoman alle Energie gebrauchen
muß um nur unpolitisch zu bleiben.“555 Auch die einschlägige Presse band
Schaukal in ihreKriegs-undIdeologiediskurseein.Danzer’sArmee-Zeitungver-
teidigtedenDichter imJuni 1918gegenAngriffeausdemsozialdemokratischen
Lager und setzte den Vorwürfen der lyrischen Kriegstreiberei dessen literari-
schesÖsterreich-Bekenntnisentgegen:
553 Bachleitner/Eybl/Fischer:GeschichtedesBuchhandels inÖsterreich,S. 244.
554 Vgl.Bachleitner/Eybl/Fischer:GeschichtedesBuchhandels inÖsterreich,S. 244.
555 BriefKubinsanSchaukal, 17.Februar 1919,S-NL,WB.
228 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik