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Sie taugen selbstverständlich für keine bestehendePartei, aber ich kann sie über diesen
Punkt nur nochmals nachdrücklich beruhigen. Was man bei uns Partei nennt, drückt
einenMenschenüberhauptnicht undes ist einer so reichen Individualitätwie Ihnenein
leichtes, die wenigen Konventionen mitzumachen, aus denen bei uns der sogenannte
Parteiverbandbesteht. SiewürdenabervielfachgrosseAnregungenauch für Ihrkünstle-
rischesWirken finden,wennSie indasmerkwürdigeStückLebenhineinsähen,dasman
inOesterreichaktivePolitiknennt [. . .]. Denn ichbin sicher,mag IhrSchicksal als Politi-
ker sichpraktischmehroderminder erfolgreichgestalten, diedeutscheLiteraturwird si-
cherdurchdas,wasSieaufGrund IhrerEindrückeundBeobachtungenschaffenwerden,
einen sehrwertvollenunderfreulichen Zuwachs erhalten.Herr vonBalthesserwird viel-
leicht aus demGrabe, in das Sie ihn versenkt haben, fröhlich auferstehenundwird uns
in derselben geistvollen und künstlerisch vollendeten Form ein Brevier politischer Le-
benskunstbieten [. . .].559
Da sich die deutschnationalen bürgerlichenParteien aber auf GustavBodirsky
(1864–1934) als Kandidaten einigten, legte Schaukal seine politischen Pläne
beiseiteundverzichteteaufeineKandidatur.560
Erst nach dem Krieg belebte Schaukal seine politischen Ambitionen und
wagteeinenneuerlichenVorstoß in jenesFeld. ImDezember 1918 teilteerAlois
Essigmannmit, dass er für eine Partei zu kandidieren plane. Dieser empfahl
Schaukal die Kandidatur als Parteiloser. Aus Hetzendorf schickte er einen
Vierpunkteplan:
1.VorläufigerTitel:„WahlgemeinschaftderParteilosen.“ 2.Wahlparole:Parteilose!Wählt
nichtParteileute, dienurnachstraffenParteigrundsätzenentscheiden!WähltPersönlich-
keiten, die befähig sind, jeden Einzelfall zu beurteilen! 3. Agitation: Schneeballsystem,
d.h. jeder der Wahlgemeinschaft geworbene wirbt 10 Neue u.s.f. 4. Finanzierung: Zu-
nächst Bevorschussung aus Privatmitteln umanfangen zu können, sodann perMitglied
derWahlgemeinschafteinkleinerBeitrag [. . .].561
Für die Gründung einer „Wahlgemeinschaft der Parteilosen“würden 18.000
bis 20.000 Unterschriften benötigt. Maximilian Liebenwein und der Mither-
ausgeber der Zeitschrift Gewissen, Rudolf Falk, boten ihre organisatorische
Hilfe an.562 Essigmann verlieh der Hoffnung Ausdruck, Schaukal möge der
Sprung in die Nationalversammlung gelingen, um es dort den „Fortschritt-
lern“ zu zeigen. Er merkte aber auch an, dass dies als Parteiloser sehr viel
schwieriger sei.Deshalb schlugEssigmanneineKandidatur fürdieChristlich-
559 BriefRedlichsanSchaukal, 21. Juni 1912,S-NL,WB.
560 Vgl.denBriefRedlichsanSchaukal, 21. Juni 1912,S-NL,WB.
561 Brief EssigmannsanSchaukal, 11.Dezember 1918, S-NL,WB;Hervorh. imOrig. alsUnter-
streichungen.
562 BriefEssigmannsanSchaukal, 11.Dezember1918,S-NL.WB.
230 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik