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ZusammenfassungderErgebnisse
RichardSchaukalsWirken imschriftlichenResonanzraumundseineDisposition
verdeutlichen ein Bewusstsein für die Inszenierungsmöglichkeiten eigener und
fremderBiographien.Dieses impliziertauchdieFrage,biszuwelchemPunktein
vermeintlichderAutonomieästhetikverpflichteterDichterum1900 Individualist
bleibenkonnteundabwanneraufeine(soziale,berufliche, literarische,verlege-
rische)Gruppezurückgreifenmusste,umseinSchaffeninsymbolischesundöko-
nomisches Kapital zu verwandeln. Schaukals Selbstbekenntnisse und privaten
Briefe sind von diesem Thema ebenso durchzogenwie seine lebensgeschichtli-
chen Studien und fiktiven Werke, die mit auto-/biographischen Facetten und
hybridenAutorkonzeptenspielen.
ZuseinenbiographischenwiedichterischenSelbstentwürfenzählendieNar-
rative Isolation undSubjektivismus; Schaukals genieästhetische Poetik verband
sichmitdemWunschnachsozialerDistinktionundkünstlerischerUnabhängig-
keit. Diese Narrative und lebensgeschichtlichen Entwürfe standen mit seinem
Schaffen als Kritiker und Dichter sowiemit seiner Rolle als Literaturvermittler
undAgentderKanonbildunginengemZusammenhang. InFormvonsubjektivis-
tischenEssays, die aneine seit demEndedes 19. Jahrhunderts verbreitete Form
der impressionistischen Literaturkritik anknüpften, propagierte und festigte
Schaukal seine eigenePosition im literarischenFeld, vermittelte zeitgenössische
Dichter einem elitären Lesepublikum und wirkte an Kanonisierungsprozessen
mit,dieunteranderemdaraufabzielten,KünstlerwieE.T.A.Hoffmannin(neuro-
mantische) Diskurse einzuschreiben. In späteren Jahren nutzte Schaukal seine
biographischenEssaysauchalsantisemitischesMedium,BücherwieKarlKraus.
Versucheines geistigenBildnisses (1933) sind Ideologieträgerundentwerfen sub-
jektivistischeinBilddesVerfassers.
Biographien konstituieren sich zwangsläufig über Interaktionen: „[T]he
biography is not one of a single individual but rather of an individual that
unites all the characteristics of a group“.1 AuchwennSchaukal Einsamkeitmit
schöpferischem Potential gleichsetzte,2 standen seine Poetik und sein Imago
als Dichter auf einem kollektiven Fundament; sein Schaffen war unmittelbar
undzwangsläufigvonPersonenabhängig,vonVermittlern,Freunden,Gegnern
und Lesern, auch wenn ihm dieser Gedanke missfiel, da er die Konstruktion
1 Giovanni Levi: TheUses of Biography. In: Theoretical Discussions of Biography, S. 89–111,
hierS. 100.
2 Vgl.Schaukal:BeiträgezueinerSelbstdarstellung,S. 1.
OpenAccess.©2020CorneliusMitterer,publiziert vonDeGruyter. DiesesWerk ist
lizenziertunterderCreativeCommonsAttribution4.0Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110619744-005
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik