Seite - 22 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Bild der Seite - 22 -
Text der Seite - 22 -
Einleitende
Überlegungen22
Literatur- und Kulturbetriebs, dessen Werk von Aufmerksamkeit für Debatten
innerhalb der sowjetischen Kulturpolitik zeugt. Für den Montagefilm Im Schat-
ten der Maschine von 1928 griffen Albrecht Blum und Lania auf Material von
Dziga Vertov zurück. Im Schatten der Maschine als ein Beispiel für eine an der
russischen Avantgarde orientierte Montagefilmkunst hat zeitgenössisch immer-
hin auch Ernst Fischer als wegweisend für die proletarische Filmkunst gewür-
digt.
Die Oktoberrevolution und die Anfänge der Sowjetunion in der Wahrneh-
mung Ernst Fischers werden von Jürgen Egyptien beleuchtet, der dessen am
journalistischen Werk offenbares Interesse für die Umwälzungen in der russi-
schen Gesellschaft in Beziehung zu einer zwischen 1923 und 1933 eklatanten
Neu-Justierung ästhetischer (Wert-)Maßstäbe hin zu Operativität und Sachlich-
keit (Literatur als „Beitrag zum Klassenkampf“) nachskizziert. Egyptien präsen-
tiert den Fall Fischer als beispielhaftes „sacrificium intellectus […], das die
geistige Disposition für Fischers Weg in den Stalinismus offenlegt“ – und meint
damit die allmähliche „Verabsolutierung des Politischen im Zeichen des sowjeti-
schen Fünfjahresplans“, aus deren Perspektive „alle Kunst, die keine operative
Funktion erfüllt, dem Generalverdacht der Ablenkung vom Klassenkampf [ver-
fällt]“, als Verabsolutierung der unter anderen in Auseinandersetzung mit Sergej
Tretjakow gewonnenen „proletarisch-revolutionären Funktionsbestimmung
von Literatur“. Mit dem Essay „Der Geist des Amerikanertums“ von 1928 wid-
met sich Egyptien einem Fischer’schen Programmtext, der auch Gegenstand in
dem Beitrag von Rebecca Unterberger über die für die Zwischenkriegszeit auf-
fallende diskursive Engführung der beiden ‚Neuwelten‘ USA und Russland –
nicht nur im Sektor Reiseschreibung, wie etwa anhand des kapitalismuskritischen
Russland-Reiseberichts Julius Haydus oder Theodore Dreisers insbesondere für
das bürgerliche Lager überraschend sozialismusaffinen Russland-Reisefeuille-
tons gezeigt wird, sondern auch bei literaturkritischen Diskussionen unter dem
Stern der Neuen Sachlichkeit. Ann Tizia Leitich zum Beispiel, eine Gallionsfigur
für anti-sozialistische, anti-sozialdemokratische Ressentiments, transparente
bürgerliche philo-amerikanistische Positionierungen, nahm in ihrem Roman
Ein Leben ist nicht genug gleichfalls die USA und die Sowjetunion in den
Blick: Leitichs Protagonistin ist der Durchbruch als ‚rasende Reporterin‘ mit
dem Reportageroman Als Arbeiterin durch das bolschewistische Rußland gelun-
gen, was an die Vita der in Moskau als Tochter eines österreichischen Kaufman-
nes geborenen Lili Körber (1897–1982) erinnert. Deren „Tagebuch-Roman“ Eine
Frau erlebt den roten Alltag widmet sich Walter Fähnders am Eingang der Sek-
tion Russland-Reisen. Für ihren Romanerstling griff Körber, Mitglied des Bun-
des Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller (BPRS), auf ihre Erfahrungen als
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur