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Einleitende Überlegungen 23
Arbeiterin in den Leningrader Putilow-Traktoren-Werken während eines Russ-
land-Aufenthalts 1930/31 zurück. Körbers Reportage-Roman wird zum einen
als Beitrag zu dem zwischenkriegszeitlich boomenden Sektor Russlandreisebe-
richt – Fähnders verweist unter anderem auf den Putilow-Bericht des österrei-
chischen Metallarbeiters Leo Weiden – diskutiert und dessen Einschätzung als
‚Männerdomäne‘ durch Reiseschreibungen von Anni Geiger-Gog, Berta Lask,
Frida Rubiner, Helene Stöcker, Martha Ruben-Wolf, Ilse Langner, Helene von
Watter oder Elisabeth Thommen relativiert. Zum anderen fokussiert Fähnders
Körbers ‚Glaubwürdigkeit‘ generierende und damit die Rezeption steuernde
erzähltechnische Strategien, etwa „die dokumentarische, trotz aller Kritik an der
Neuen Sachlichkeit doch bewährte Methode des Abdruckes von historischen,
außertextlich verbürgten und empirisch überprüfbaren Dokumenten“. Reise-
Reportagen aus Russland, deren Konjunktur den Informationshunger in Sachen
Sowjetunion widerspiegelt, nehmen zudem die beiden nachfolgenden Beiträge
von Ievgeniia Voloshchuk und Katja Plachov in den Blick: Gegenstand bei
Voloshchuk ist Joseph Roths zuerst 1926 in der Frankfurter Zeitung erschienene
Reportagenreihe „Reise in Rußland“ als „eines der prägnantesten Porträts des
jungen Sowjetrussland“, in dem sich ‚der Rote Joseph‘ trotz seiner Sozialismus-
Affinität „jenseits der ideologischen Links-Rechts-Front“ positioniert habe –
bemüht, „die Differenzen und sich auftuenden Klüfte zwischen der sowjetischen
Realität und den Mythen der bolschewistischen Propaganda“ zu dokumentieren.
Roths „Paradigma der Entlarvung […], das sowohl die persönliche Enttäu-
schung über das bolschewistische Projekt als auch eine generelle Entzauberung
der sowjetischen Wirklichkeit und Ideologie umfasste“, konzentriert sich auf
kulturellen Verfall, technisch-pragmatische Modernität und kommunistischen
Drill als „Kern des nachrevolutionären Sowjetrussland“. In das Jahr von Roths
Russland-Reportagen datiert auch die Publikation von René Fülöp-Millers kom-
pendiöser Monografie Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kri-
tik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland, der, wie Katja Plachov zeigt,
gleichfalls Reisen in die Sowjetunion (1922 und 1924) vorangegangen waren.
Das im Wiener Amalthea Verlag erschienene, mit zahlreichen Fotografien und
farbigen Illustrationen ausgestattete Werk wurde nicht nur in der Zwischen-
kriegszeit breit rezipiert, sondern stellte bis in die Zeit des Kalten Kriegs perpe-
tuierte Deutungslinien bereit – ein Erfolg, der sich mit dem „scheinbar
gegensätzliche[n] , in der Anlage jedoch einander ergänzende[n] Informations-
und Deutungsangebot“ erklären lässt, mit dem sich sowohl eine politisch kon-
servative als auch eine (mehr) kunstinteressierte, avantgardistisch orientierte
Leserschaft identifizieren habe können: Obgleich Tatlins Maschinenkunst mit
Blick auf die westliche Baukunst als ‚defizitär‘ dargestellt wurde, war es Verdienst
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur