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Einleitende Überlegungen 25
Kulturaustausch in Gang kam. Ergänzend und kontrastierend zu den Moskau-
ern präsentiert Lesáks Beitrag die beiden Gastauftritte Tairovs, die 1925 respek-
tive 1930 nicht nur radikalen Theater-Konstruktivismus mit neuer Körpersprache
boten, sondern auch am Beispiel von Operetten-Vorlagen und Pantomimen
neue, revolutionäre Theaterästhetik umsetzten – eine Theaterästhetik, die auch
vom Moskauer jiddisch-hebräischen Ensemble Habima wie dem Staatlichen
Jüdischen Kammertheater geteilt wurde. Letztere gastierten 1926 und 1928 in
Wien und brachten jiddische Legenden wie den Dybuk, aber auch Beer-Hof-
manns Jáakobs Traum mit großem Erfolg und in zum Teil eigenwillig-exzentri-
schen Inszenierungen zur Aufführung. Dieses Interesse bildete auch den
Nährboden für Kabarett und Kleinkunst, das von zahlreichen Ensembles bedient
wurde, darunter dem 1917 in Moskau gegründeten Der Blaue Vogel als bekann-
testes. Wurde dabei zwar das Credo der Abstraktion oft ins Dekorativ-Folkloris-
tische gewendet, so zielte es zugleich auf eine spezifische Synthese von
Bühnenbild, Bewegung und gestischer Sprache, was unter den kommerziellen
Zwängen und durch die Nachahme-Ensembles nur selten gelingen konnte. Die-
sem beachtlichen, vorwiegend im bürgerlichen Kontext angesiedelten Rezep-
tionsinteresse stand die ambivalent distanzierte Haltung der sozialdemokratischen
Theaterpolitik gegenüber, die Jürgen Doll mit Schwerpunkt auf die (mangelnde)
Rezeption beziehungsweise eigenständige Entwicklung eines dem Proletkult
vergleichbaren Agitations- und Massentheaters nachzeichnet. Erst ab 1927, als
paradoxerweise in der Sowjetunion das Agitationstheater Die Blaue Bluse seiner
Auflösung entgegen ging, rezipierte die junge Parteilinke um Ernst Fischer,
Robert Ehrenzweig und Hans Zeisel zunächst die Programmschrift von Ker-
schenzew sowie die Beschreibungen des Mejerhol’d-Theaters bei Fülöp-Miller,
um daraus sowie aus eigenen proletarischen Festspiel-Erfahrungen neue
Zugänge zu einem proletarischen Theater beziehungsweise politischen Kabarett
auszuloten und umzusetzen. Ein erstes spektakuläres Massenfestspiel kam dabei
im Juni 1928 in Linz als „revolutionäre Sonnwendfeier“ zur Aufführung, gefolgt
von einer multimedialen Bilderfolge anlässlich des 10.
Jahrestages der Republik-
gründung. Die sehr erfolgreiche Aufführung von Sergej M. Tret’âkovs Brülle
China, für Fritz Rosenfeld ein „Sieg des revolutionären Theaters“, bereitete ver-
mutlich das Terrain für die Massen-Sprechchor-Festspiel-Inszenierung anläss-
lich der in Wien im Juli 1931 abgehaltenen Arbeiter-Olympiade auf, ferner für
den Festzug der Gemeinde Wien im Jahr 1932 und das Agitprop-Theater der
Roten Spieler bis 1933.
Den Musikteil decken die Beiträge von Marco Hoffmann und Olesya Bobrik
ab, einmal in Form des Fallbeispiels des (familiengeschichtlich aus der Ukraine
kommenden) Komponisten Max Brand, einmal in Form eines Übersichtsbeitrages
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur