Seite - 28 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Einleitende
Überlegungen28
progressiven österreichischen Werkbund und konstruktivistischen beziehungs-
weise funktionalistischen Architekturströmungen sind nicht von der Hand zu
weisen, nichtsdestotrotz stand Josef Frank als ein zentraler Vertreter des Werk-
bunds dem russischen Konstruktivismus reserviert gegenüber. Faber kann aber
für Margarethe Schütte-Lihotzky, neben Ernst May wohl das prominenteste Mit-
glied der Architektenvereinigung Das Neue Frankfurt, ihr Wiener ‚Substrat‘ in
Erinnerung rufen: In ihren Anfängen als Architektin ist Schütte-Lihotzky ja mit
der Planung von Arbeiterwohnungen in Wien befasst gewesen und habe damit
„gewissermaßen das Konzept der ‚Wohnung für das Existenzminimum‘ “ vorher-
gesehen – obschon ihr epochemachendes Konzept unter dem Namen „Frank-
furter Küche“ bekannt geworden ist.
Die Sektion Literatur wird von Veronika Hofeneder eröffnet, die sich den
Russland-Diskursen in der in Wien erschienenen, als kommunistischer Propa-
gandaschrift konzipierten Zeitschrift Sowjet (1919–22) widmet. Obgleich das
Hauptgewicht auf politischer Berichterstattung lag, fanden sich in den ersten
Nummern auch Gedichte, Erzählungen und Kritiken zu Theateraufführungen
von Werken russischer Autoren
– und nicht zuletzt „Konzepte der Gesellschafts-
erneuerung mithilfe von Kunst und Literatur“, etwa die Programmschrift „Zur
moralischen Bilanz der Bourgeoisie“ von Gina Kaus. In der Erzählung Der Altar,
als der „erste bolschewikische Roman“ angekündigt, stehe Kaus dann aber den
in früheren Essays offenbaren „radikalen Positionen“ („bedingungslose Revolu-
tion mit der anschließenden Diktatur des Proletariats“) reservierter gegenüber.
Der Altar gilt Hofeneder als „Höhepunkt und ein vorläufiges Ende“ der Ten-
denz, die anfänglich radikale Programmatik des Sowjet vermittels literarischer
Texte vorsichtig zu unterwandern. Dem seit 1919 erscheinenden, dem Titel nach
an der gleichnamigen Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands
orientierten Zentralorgan der KPÖ Die Rote Fahne, widmen sich Stefan Simo-
nek und Martin Erian. Die „Hypothese, dass sich auf den Seiten des Blattes
eine breitere, durch die grundlegende historischen Veränderungen zusätzlich
noch befeuerte Berichterstattung zur politisch links orientierten Kunst der rus-
sischen Avantgarde finden könnte“, kann Simonek falsifizieren: „Was die kultur-
politische Linie der Zeitung wesentlich prägte, war vielmehr eine weitgehende
Hörigkeit in Richtung Moskau“. Um der Präsenz russischer Literatur in der
Roten Fahne nachzuspüren, orientiert Simonek sich an der Berichterstattung
im Umfeld der Todesdaten von den „im Kontext von Moderne und Avantgarde
zentralen Dichter[n]
“ Aleksandr Blok (1921), Sergej Esenin (1925) und Vla-
dimir Majakovskij (1930). Anhand derer Lebens- und Kunst-Texte lassen sich
zudem Entwicklungsphasen des kulturellen Lebens im ersten Dezennium der
Sowjetunion – „vom Kriegskommunismus über die Zeit der NEP […] bis hin
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur