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Österreichisch-sowjetische Kulturkontakte 1918/38 35
Veröffentlichung schockierender Fotos von der Hungerkatastrophe in Illustrier-
ten10 und Broschüren11 „erwachten“ auch die „radikalen und liberalen Kreise der
Intelligenz“, wie die sowjetische Vertretung in Wien bemerkte.12 Hervorzuhe-
ben ist dabei die „Österreichische Künstlerhilfe für die Hungernden in Rußland“
(ÖKH), in der Persönlichkeiten wie der Schauspieler Alexander Moissi, die
Schriftsteller Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Felix Salten und Anton Wild-
gans sowie Sigmund Freud mitwirkten. Die ÖKH war organisatorisch mit der
Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit Yella Hertzkas verbunden
und sammelte im Rahmen von Lesungen und Konzerten auch Gelder für die
„Nansen-Hilfe“.13
Für die Koordination der „Hungerhilfe“ war in Moskau die Zentrale Kom-
mission für die Hilfe an die Hungerleidenden (ZK Pomgol) beziehungsweise
deren Nachfolgeorganisation Kommission für ausländische Hilfe beim CIK der
UdSSR (KZP) zuständig. Ende 1923, nach Abflauen der Katastrophe, verlagerte
sich deren Tätigkeitsschwerpunkt auf internationale kulturelle Kontakte, für
welche die KZP-Bevollmächtigten im diplomatischen Apparat im Ausland ver-
wendet wurden.14 Die Leiterin der KZP, Ol’ga Kameneva, verfolgte die Umwand-
lung der Strukturen der „Russlandhilfe“ in eine Auslandskulturorganisation für
Propagandazwecke. Unter dem Einfluss der KZP-Bevollmächtigten entstanden
bis Ende 1924 bereits in 21 Ländern Vereine, deren Ziel die kulturelle Annähe-
rung an Sowjetrussland war. Den Anfang machte im Juni 1923 die Gesellschaft
der Freunde des Neuen Russlands in Deutschland.15 Obwohl auch in Öster-
reich ab 1923 ähnliche Initiativen zur Bildung eines solchen Vereins gesetzt
wurden, verzögerte sich dessen Gründung bis 1925/26. Denn Moskau suchte
idealerweise eher bürgerlich-liberale Intellektuelle und Künstler als „Aushänge-
schilder“ für den kulturellen Kontakt und wollte grundsätzlich eine Dominanz
10 Vgl. N.N.:
Der russische Hunger. In: Das Interessante Blatt (2.3.1922), S.
4.
11 Vgl. Fridthof Nansen, Gerhart Hauptmann, Maxim Gorki: Rußland und die Welt.
Berlin:
Verlag für Politik und Wirtschaft 1922.
12 GARF R-1064/6/1, 5–7: Vertretung der RSFSR in Österreich an die ZK Pomgol,
9.2.1922.
13 Vgl. Das Komitee „Künstlerhilfe“ für die Hungernden in Rußland:
An die Künstler und
Intellektuellen Österreichs. In:
NFP (3.2.1922), S.
5. Für den Hinweis zur Verbindung
mit der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit und Yella Hertzka danke
ich Corinna Oesch (Wien).
14 Vgl. Jurij A. Gridnev:
Sozdanie VOKS. Zadači i celi. In:
Istoriki razmyšljajut. Sbornik
statej, Vypusk 2. Moskva:
Zvezdopad 2000 (= Novaja biblioteka gumanitarnogo obra-
zovanija. Serija „Novye idei i technologii“), S.
286–288.
15 Vgl. ebd., S. 292f.; Kameneva, Dva goda, S. 10f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur