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Julia
Köstenberger36
von Sozialdemokraten im Verein vermeiden.16 Dies war ein äußerst schwieriges
Unterfangen, mangelte es doch in der Alpenrepublik an politisch „neutralen“
Persönlichkeiten, die bereit waren, sich für die UdSSR zu engagieren, und im
„Roten Wien“ standen die entsprechenden Interessenten meist der Sozialdemo-
kratie nahe oder gehörten der SDAPÖ an. Dagegen hatten wirtschaftliche Kreise
Österreichs – sehr zum Missfallen Kamenevas – lebhafteres Interesse. Als trei-
bende Kraft bei der Formierung des österreichisch-sowjetischen Kulturvereins
tat sich schließlich der Rechtsanwalt Armand Eisler, Sozialdemokrat und Mit-
glied des Verwaltungsrats der österreichisch-sowjetischen Handelsgesellschaft
RATAO, hervor.17
2 Hochblüte (1925–1929)
Im Jahr 1925 konsolidierten sich die Strukturen für die kulturellen Beziehun-
gen: Auf Basis der KZP wurde die sowjetische Auslandskulturorganisation
VOKS mit Kameneva an der Spitze im August offiziell als gesellschaftlicher
Verein gegründet, doch tatsächlich war diese dem Volkskommissariat für aus-
wärtige Angelegenheiten (NKID) untergeordnet. Die VOKS koordinierte die
Kulturkontakte der UdSSR mit dem Ausland, korrespondierte mit „Schwester-
vereinen“ in verschiedenen Ländern und schickte an diese sowie an andere Inte-
ressierte Materialien, Bücher, Ausstellungen oder Gastreferenten. In der UdSSR
selbst betreute sie ausländische Gäste und Delegationen.18
In Österreich trat der Verein Österreichische Gesellschaft zur Förderung der
geistigen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR (im Weiteren: ÖG)
an die Öffentlichkeit. Als Proponenten der Vereinsgründung im Juni 1925 konn-
ten schließlich durchaus bekannte Persönlichkeiten gewonnen werden: der Phi-
losoph Moritz Schlick, der Rektor des Wiener Musikhochschule und Komponist
Joseph Marx, der Statistiker und Politökonom Walter Schiff, der Leiter des
Siedlungsamtes der Gemeinde Wien Hans Kampffmeyer und der Industrielle
Alexander Brünner als Vertreter der Russisch-Österreichischen Handels- und
16 Kommunisten sahen Sozialdemokraten als politisch unzuverlässig beziehungsweise
als „Sozialfaschisten“ an.
17 Vgl. Köstenberger, Kulturkontakte, S. 235–237.
18 Vgl. Gridnev, Sozdanie VOKS, S. 288–299; Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets.
Der ausländische Tourismus in Rußland 1921–1941. Mit einem bio-bibliographischen
Anhang zu 96 Reiseautoren. Münster–Hamburg–London:
LIT Verlag 2003 (= Arbeiten
zur Geschichte Osteuropas, Bd. 11), S. 25–30.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur