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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 335
zahlreicher österreichischer Intellektueller in die Sowjetunion führte,22 doch
überraschend. Astrid Gmeiner und Gottfried Pirhofer sehen die Gründe für die
vergleichsweise verhaltene Teilhabe23 österreichischer Akteure am internatio-
nalen avantgardistischen Diskurs „in der ‚bis zuletzt‘ erfolgreichen Politik der
Monarchie, avantgardistische Tendenzen zu dämpfen und zu integrieren, vor
allem aber sind sie in den Konsequenzen des verlorenen Kriegs für Österreich
und Wien zu suchen“.24
3 Rezeption österreichischer Architektur in der Sowjetunion
Trotz einer auf den ersten Blick relativ geringen internationalen Wahrnehmung
nahm Wien bereits früh eine Vorreiterrolle innerhalb des „Neuen Bauens“ ein. Als
andernorts die Utopie des leistbaren „Wohnens für Alle“ noch auf programma-
tischer Ebene verkündet wurde, erfuhr sie in Österreich bereits eine Umsetzung
in die Realität. Im sozialdemokratischen Wien war man mit der Konstruktion
von kommunalen Wohnbauten, die bereits unmittelbar nach Ende des Krieges
einsetzte, vielen utopischen Konzepten der Avantgarde auf praktischer Ebene
um einen Schritt voraus. Die Gemeindebauten der 1920er Jahre wiesen eine
Vielzahl jener Elemente auf, die in der konstruktivistischen Architektur eben-
falls essentiell wurden. Sie antizipierten somit jene revolutionären Konzepte, die
kurze Zeit später in der Sowjetunion von der Avantgarde (teilweise) realisiert
wurden. Dass die erste Einbauküche, die sogenannte „Frankfurter Küche“, von
der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen worden ist, mag
auch ihrem frühen Umfeld in Österreich geschuldet gewesen sein, wo sie bereits
an Projekten zur kommunalen Wohn-Idee teilgehabt hat. Als besonders wich-
tig für ihre Zeit als Architektin in Wien erweisen sich die Planung von Arbei-
terwohnungen und ihre Studien zum Wohnen für sozial Schwache, wobei sie
22 Hier sei auf Otto Neurath verwiesen, der 1931 in die Sowjetunion eingeladen wurde,
um das sowjetische Institut für Bildstatistik („IZOSTAT“) zu gründen. Neurath stand
in Moskau in engem Kontakt mit ausländischen Architekten und nahm dort, wie aus
seiner Korrespondenz mit Bruno Taut hervorgeht, auch an Versammlungen des rus-
sischen Architektenverbandes teil (vgl. Bruno Taut an Franz Hoffmann (27.11.1932).
In: Barbara Kreis (Hg.): Bruno Taut. Moskauer Briefe 1932–1933. Schönheit, Sach-
lichkeit und Sozialismus. Berlin:
Gebr. Mann 2006, S. 300–308, hier S. 301).
23 Womit ausdrücklich nicht gemeint ist, dass keine künstlerischen Aktivitäten existier-
ten.
24 Astrid Gmeiner/Gottfried Pirhofer (Hgg.): Der Österreichische Werkbund. Alter-
native zur klassischen Moderne in Architektur, Raum- und Produktgestaltung. Salz-
burg–Wien: Residenz-Verlag 1985, S. 51.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur