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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 341
4 Österreichischer Werkbund
Josef Frank vertrat mit dem Werkbund zwar eine der wohl progressivsten Strömun-
gen der österreichischen Zwischenkriegsarchitektur, stand neuen Entwicklungen
allerdings eher skeptisch gegenüber. In seiner Eröffnungsrede zum Jahreskongress
des Deutschen Werkbundes, der 1930 in Wien stattfand, distanzierte er sich vom
avantgardistischen Anspruch an die Architektur, gänzlich mit der Vergangenheit
zu brechen. Anstelle von Uniformität müsse sich ein Pluralismus als wichtigstes
Charakteristikum des Maschinenzeitalters etablieren. Frank kritisierte die avant-
gardistische Geringschätzung von Traditionen, denn Modernität zeichne sich sei-
ner Ansicht nach nicht durch die Ablehnung der Vergangenheit, sondern vielmehr
durch das umfangreiche Wissen um diese aus.47
Dass Frank nicht die Maschine, sondern den Menschen in den Mittelpunkt
seiner Arbeit rückt, stellt einen wichtigen Unterschied zu den stark maschi-
nenfokussierten Konzepten vieler Konstruktivisten dar.48 Der Rückgriff auf
Traditionen, den Frank übrigens wenig später selbst kritisiert hat, ist auch
ein Charakteristikum der ukrainischen Architektur der 1920er Jahre, die von
russischen Konstruktivisten mehrmals wegen der Einbeziehung traditionel-
ler Elemente – etwa des Barock – polemisch attackiert worden ist.49 Die oben
beschriebene zurückhaltende Position wird später auch auf praktischer Ebene
evident, als Frank für die Planung und Durchführung der Wiener Werkbund-
siedlung vornehmlich Architekten engagiert, die der von Gropius und Le
47 Vgl. Christopher Long:
Josef Frank. Life and Work. Chicago–London:
The University
of Chicago Press 2002, S. xviii.
48 Vgl. Wilfried Posch: Josef Frank. In: Friedrich Stadler (Hg.): Vertriebene Ver-
nunft. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930–1940. Bd. 2, Teilbd.
2. Unveränderte Neuauflage. Münster: Lit-Verlag 2004, S. 645–658, zit. S. 65.
49 Mit der ukrainischen Wiederbelebung des Barocks würde, so die Kritik, auf eine längst
vergangene Epoche zurückgegriffen:
„Die nationalistische ukrainische Intelligenzija
hat die Losungen der Wiedergeburt der ‚nationalen Kultur‘ sowie der ‚nationalen
Architektur‘ in die Diskussion geschleudert
– die Wiederbelebung des ukrainischen
Barocks, eines Stils aus den Zeiten des Kosakenstaates und des Hetmanats.“ (Im russi-
schen Original:
„Националистическая украинская интеллигенция выбросила на
этой дискуссии лозунг возрождения ‚национальной культуры‘, ‚национальной
архитектуры‘
– возрождения украинского барокко, стиля времен казатчины и
гетманщины.“) (Aleksandr Vesnin/Moizej Ginzburg:
Chronika vuzov/Chronik der
Arbeit in Hochschulen USSR [sic]: Architekturnaja Žizn’ Ukrainy/Die Baukunst in
Ukraina [sic]. In: Sovremennaja Architektura, Nr.
3/1927, S.
109).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur