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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 343
Konstruktivismus bezieht, lässt sich die Kritik auch auf dessen russisches Pen-
dant applizieren, das die eigene Strömung gleichfalls ins Zentrum unausgesetzter
Diskussionen rückt. Dass der russische Konstruktivismus bei Frank im Weiteren
nur kurz erwähnt wird, weltweite Phänomene in China, den USA, Ostasien und
Nordafrika dagegen sehr wohl beleuchtet werden, überrascht nicht zuletzt in
Anbetracht der starken Verknüpfung von deutschem und russischem Konstruk-
tivismus. Die Wertschätzung für russische Erscheinungen, denen Frank generell
nicht viel Interesse entgegenbringt, scheint jedenfalls gering. Frank fasst sie in
seinem Buch im Kapitel „Erschütterungen“ wie folgt zusammen:
Oder wird die religiöse Idee des Kommunismus das kunstfeindliche Prinzip so stark
verkünden, daß jede Kunst zur Lüge wird? Der Weg der russischen Kunst ist in dem der
Gotik, mit ihrer ganzen Sehnsucht nach dem Leben und voll von mystischen Regeln,
vorgezeichnet; sie ist eine Kunst, die sich vorläufig wie jeder schwach fundierte Ästheti-
zismus in Grotesken, Parodien, Übertreibungen und Selbstironie gefällt, sich selbst auf
die Stufe des Handwerks herunterdrückt und dann hauptsächlich an ihren Grenzgebie-
ten, wie Theater, Kino und Dekoration, ihre Erfolge hat. Die Adaptierung der Kunst für
praktische Werbebelange ist hier ebenso schnell vor sich gegangen wie die der antiken
Kunst für christliche Belange. Wir sehen hier auf den Trümmern einer antiken Kultur
eine Art Mittelalter, das neue Menschen und neuen Glauben vereinigt; aber wir brau-
chen es nicht, da wir sein Ende und seine Erlösung kennen.56
Des Weiteren bezeichnet Frank die Betonung des Modern-Formalen als „immer
dort, wo sie betont als Zweck auftritt, verdächtig“.57 Den Anspruch an die Archi-
tektur, allein dem Bedürfnis zu dienen und nicht der Repräsentation, lehnt
Frank ab: Begriffe wie „Gebrauchswohnung“ und „Zweckmöbel“ würden, „jede
Forderung für Zweck und Gebrauch verleiden“.58 Funktionalismus, Konstruk-
tivismus und Elementarismus seien allein deshalb aufgekommen, um „neue
Arten der Dekoration zu betreiben, die sich heute nicht mehr mit dem Schmuck
des fertigen Gegenstandes befassen, sondern alles ergreifen, vom Grundriß bis
zur Orthografie“.59
Frank sieht den modernen Stil insofern als gescheitert an, als er von seiner
Zielgruppe, der untersten Klasse, nicht begrüßt werde:
Die Architektur ist heute das Symbol sozialen Kampfes und Machtbesitzes und war dies
zweifellos zu jeder Zeit. […] Der neue Stil ist aber auch ein Beruhigungsmittel für das
56 Ebd., S.
186f.
57 Ebd., S.
115.
58 Ebd., S.
129.
59 Ebd.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur