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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 345
publiziert worden war,63 wurde die Studie auch in der ukrainischen Avantgarde-
Zeitschrift Nova Generacija (dt. Die Neue Generation) vorgestellt, wiewohl Neu-
tra auch darin als Architekt aus Los Angeles präsentiert wurde. Neutras Analyse
der Aufgaben der zeitgenössischen Architektur, die auch eine Bezugnahme auf
Technik und Material enthält, wurde in der Ukraine mit großem Interesse ver-
folgt. Neutra nehme, so die Redaktion von Nova Generacija, im Kontext der
modernen Architektur eine zentrale Rolle innerhalb der damals aktuellen ame-
rikanischen Baukunst ein. Ein österreichischer Kontext – Neutra war nicht nur
ein ehemaliger Schüler von Adolf Loos, sondern auch stark durch Otto Wagner
beeinflusst – scheint, ungeachtet des Verlagsortes Wien, nicht auf.64 Obwohl die
ukrainischen Avantgarde-Künstler in der Zwischenkriegszeit aufgrund ihrer
Lage an der sowjetischen Peripherie ein ähnliches Schicksal erfuhren, wie viele
Vertreter der österreichischen Kunst
– das heißt international wenig bis gar nicht
registriert wurden65 – und zudem im Rückgriff auf eigene Traditionen auch auf
konzeptioneller Ebene eine prägnante Analogie zu österreichischen Konzepten
aufwiesen, bestand bei ukrainischen Avantgarde-Gruppierungen kein gesonder-
tes Interesse an einer Auseinandersetzung mit der österreichischen Kunst.66 Dass
die ukrainische Rezension zu Neutras Buch erst nach Erscheinen der Neuauflage
von 1930 – und nicht wie in Russland bereits zur Erstausgabe 1927 – erschien,
scheint dies zu belegen; möglicherweise wurde die ukrainische Rezension zudem
erst vom Erscheinen der russischen Ausgabe motiviert.
Nur drei Jahre nach der deutschen Erstausgabe von Wie baut Amerika? folgte
eine zweite Auflage, die nun in Joseph Gantners67 Reihe „Neues Bauen in der
63 Vgl. Red.:
Kak strojat v Amerike? [Wie baut man in Amerika?]
– Wie baut Amerika?
In: Sovremennaja Architektura, Nr. 3/1927, S. 86f.
64 Vgl. S.M.: Nove budivnyctvo v „sviti“ [Neues Bauen in der „Welt“]. In: Nova Gene-
racija, Nr. 9/1930, S. 69f.
65 Tatsächlich kommt es in westeuropäischen Medien zu fast keinen Erwähnungen
ukrainischer künstlerischer Erscheinungen, wobei die Architektur noch jenen Bereich
darstellt, der am meisten rezipiert wurde. Exemplarisch seien hier das Charkiwer
Deržprom-Gebäude sowie das Staatstheater in Charkiw angeführt, das etwa in
Wasmuths Monatsheften erwähnt wurde (vgl. Alexander Dmitriew: Zeitgenössische
Bestrebungen in der russischen Baukunst. In:
Wasmuths Monatshefte für Baukunst,
Nr. 8/1926, S. 331–339, hier S. 335).
66 Die Präsentation von Neutras Band stellte eine singuläre Bezugnahme auf österrei-
chische künstlerische Entwicklungen dar.
67 Der Schweizer Kunsthistoriker Joseph Gantner war als Redakteur an der Zeitschrift
Das Neue Frankfurt beteiligt, deren Leitung er nach Mays Emigration zur Gänze
übernahm.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur