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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 356 -
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Veronika Hofeneder356 Deutschen als die wahren Analytiker der kapitalistischen Entwicklungen sowie der wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen des Sozialismus definiert. In diesem Sinne wird auch die Leistung der russischen Literatur im Hinblick auf die Revolution festgestellt:  Diese erfasse nämlich die historische Situation ausgehend „von der revolutionären, taktisch kontrollierten und organisierbaren Kampfbereitschaft des Proletariats“.21 Das restliche Drittel der ersten Nummer ist dann weitgehend den Themen Kultur und Literatur gewidmet; in den „Mit- teilungen“, einer Art unregelmäßigen Rubrik, die sich auf aktuelle politische Ereignisse bezieht, wird die gemäßigte Haltung der österreichischen sozialdemo- kratischen Partei sowie deren Streik- und Umsturzfeindlichkeit kritisiert. Hier wird der moderne Arbeiter dezidiert nicht als ungebildet dargestellt, sondern als „ein hochentwickelter Zivilisationstypus, der sehr gut schreiben kann und in der Regel viel mehr Bücher gelesen hat, als ein Ministerpräsident oder gar ein Kaiser alter Fasson“.22 Auf diesen, gegen den legendär kaum als bibliophil bekannten Kaiser Franz Joseph I. zielenden Seitenhieb folgt die Ankündigung, dass in der nächsten Sowjet-Nummer der „erste bolschewikische Roman“23 veröffentlicht werde. Dieser wende sich dezidiert gegen den ästhetischen Dünkel und die geis- tige Orientierungslosigkeit eines bildungsverliebten Bürgertums und richte sich in der Tradition Émile Zolas aufklärerisch an ein sozialkritisches Lesepublikum. Im Gegensatz zu den derzeit die deutschsprachige Literatur beherrschenden Kolportage- und Provinzromanen solle dieser Roman in sachlichem Ton aktu- elle Themen verhandeln und als „lebendige Kunst […] eine Agitation für die Zukunft“24 darstellen. Der hier als wegweisend angepriesene Roman erscheint dann allerdings erst ab dem fünften Heft des ersten Jahrgangs:  Es handelt sich um die Erzählung Der Altar von Gina Kaus, gezeichnet mit dem Pseudonym Andreas Eckbrecht. Kaus ist der Wiener Gesellschaft bisher vor allem als Adoptivtochter bezie- hungsweise Mätresse des Großindustriellen Josef Kranz bekannt, zugleich aber in der linken Intellektuellenszene aktiv; mit Otto Kaus unterhält sie bereits vor ihrer Heirat im August 1919 eine Liebesbeziehung. Diese skandalverdächtige Doppelrolle versucht Kaus mit der Verwendung eines Pseudonyms zu entschär- fen:  Zum einen will sie ihren spendablen Gönner Kranz durch ihre literarische Tätigkeit nicht kompromittieren, zum anderen kann sie ihre Kritik an politi- schen und sozialen Missständen glaubwürdiger formulieren, wenn diese nicht 21 Ebd., S.  48. 22 N.N.:  Mitteilungen. In:  Sowjet, H.  1/1919, S.  60–72, zit. S.  63. 23 Ebd., S.  66. 24 Ebd., S.  72.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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