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Veronika
Hofeneder356
Deutschen als die wahren Analytiker der kapitalistischen Entwicklungen sowie
der wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen des Sozialismus definiert.
In diesem Sinne wird auch die Leistung der russischen Literatur im Hinblick
auf die Revolution festgestellt: Diese erfasse nämlich die historische Situation
ausgehend „von der revolutionären, taktisch kontrollierten und organisierbaren
Kampfbereitschaft des Proletariats“.21 Das restliche Drittel der ersten Nummer
ist dann weitgehend den Themen Kultur und Literatur gewidmet; in den „Mit-
teilungen“, einer Art unregelmäßigen Rubrik, die sich auf aktuelle politische
Ereignisse bezieht, wird die gemäßigte Haltung der österreichischen sozialdemo-
kratischen Partei sowie deren Streik- und Umsturzfeindlichkeit kritisiert. Hier
wird der moderne Arbeiter dezidiert nicht als ungebildet dargestellt, sondern als
„ein hochentwickelter Zivilisationstypus, der sehr gut schreiben kann und in der
Regel viel mehr Bücher gelesen hat, als ein Ministerpräsident oder gar ein Kaiser
alter Fasson“.22 Auf diesen, gegen den legendär kaum als bibliophil bekannten
Kaiser Franz Joseph I. zielenden Seitenhieb folgt die Ankündigung, dass in der
nächsten Sowjet-Nummer der „erste bolschewikische Roman“23 veröffentlicht
werde. Dieser wende sich dezidiert gegen den ästhetischen Dünkel und die geis-
tige Orientierungslosigkeit eines bildungsverliebten Bürgertums und richte sich
in der Tradition Émile Zolas aufklärerisch an ein sozialkritisches Lesepublikum.
Im Gegensatz zu den derzeit die deutschsprachige Literatur beherrschenden
Kolportage- und Provinzromanen solle dieser Roman in sachlichem Ton aktu-
elle Themen verhandeln und als „lebendige Kunst […] eine Agitation für die
Zukunft“24 darstellen. Der hier als wegweisend angepriesene Roman erscheint
dann allerdings erst ab dem fünften Heft des ersten Jahrgangs: Es handelt sich
um die Erzählung Der Altar von Gina Kaus, gezeichnet mit dem Pseudonym
Andreas Eckbrecht.
Kaus ist der Wiener Gesellschaft bisher vor allem als Adoptivtochter bezie-
hungsweise Mätresse des Großindustriellen Josef Kranz bekannt, zugleich aber
in der linken Intellektuellenszene aktiv; mit Otto Kaus unterhält sie bereits vor
ihrer Heirat im August 1919 eine Liebesbeziehung. Diese skandalverdächtige
Doppelrolle versucht Kaus mit der Verwendung eines Pseudonyms zu entschär-
fen: Zum einen will sie ihren spendablen Gönner Kranz durch ihre literarische
Tätigkeit nicht kompromittieren, zum anderen kann sie ihre Kritik an politi-
schen und sozialen Missständen glaubwürdiger formulieren, wenn diese nicht
21 Ebd., S.
48.
22 N.N.: Mitteilungen. In: Sowjet, H. 1/1919, S. 60–72, zit. S. 63.
23 Ebd., S.
66.
24 Ebd., S.
72.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur