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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 357 -
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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 357 offenkundig aus der Feder einer von Geld und Luxus umgebenen Lebedame stammt.25 Nachweislich von Gina Kaus verfasst ist auch der in der ersten Sowjet-Nu- mmer enthaltene Artikel „Zur moralischen Bilanz der Bourgeoisie“,26 in dem sie die moralischen Folgen der ökonomischen Ungleichheiten zwischen Bürgertum und Proletariat analysiert und sich zudem mit den unterschiedlichen Kunstauf- fassungen der sozialen Klassen auseinandersetzt:  Das auf Genuss und Reprä- sentation hin ausgerichtete bürgerliche Kunstverständnis verurteilt sie  – wenig überraschend wie der Blattlinie gemäß  – radikal, und dementsprechend fällt auch ihre Kritik am gemäßigten Kurs der pazifistischen Sozialisten aus. Sie pos- tuliert mit Lenin einen revolutionären Bolschewismus, da die Diktatur des Prole- tariats nicht nur die Klasse der Bourgeoisie, sondern auch deren Geist vernichte. Kaus greift zudem den oftmals an die bisherige sozialistische Literaturproduk- tion adressierten Vorwurf auf, diese übe zu wenig Kritik an den bestehenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnungen und Theorien und gebe daher kein klares Bild vom tatsächlichen sozialistischen Leben wieder. In letz- ter Konsequenz ist der Artikel daher nicht nur als persönliche Abrechnung mit 25 Eingeweihte Zeitgenossen sparten natürlich nicht mit Kritik; so notierte etwa Arthur Schnitzler über ihr sozialkritisches Theaterstück Diebe im Haus am 15.10.1919 in sein Tagebuch:  „General Pr. Schloßtheater Eckbrecht (Gina Kranz) ‚Diebe im Haus‘; nicht ganz ohne Begabung, aber verlogen bis ins Mark, sowohl in der Gesinnung als in der Diction. (Communistische Millionärin.) Der Geist von Blei.“ (Arthur Schnitz- ler:  Tagebuch 1917–1919. Wien:  Verlag der ÖAW 1985, S.  298). Und Wilhelm Reich moniert in seiner Autobiographie Gina Kaus’ Weigerung, einem ungarischen Studen- tenflüchtling einen ihrer drei Pelzmäntel abzugeben:  „Ich lehne die Konsequenz eines geistig revolutionären Schwachsinns ab. Otto Kaus hält Vorträge über materialistische Geschichtsauffassung im Volksbildungsheim; er und seine Frau sind Kommunisten. Umansky ist Referent für Kunst der Sowjetrepublik in Wien. Nach einem Vortrag bittet Umansky Gina Kaus, die einen feinen Hut und Pelzmantel trägt, um einen Mantel für eine ungarische Studentin, die nach dem Sturz der Räterepublik nach Wien flüchtete. Sie gesteht ein, drei zu besitzen, aber leider, sie könne nicht, aus diesem und jenem Grunde! Wenn mich damals die Lust anwandelte, sie anzuspeien, so nicht deshalb, weil sie den Mantel nicht hergeben wollte, sondern wegen des kom- munistisch-altruistischen  – Gleichheit  – Freiheit  – Brüderlichkeit postulierenden fünfzackigen Lügensterns, den sie trug.“ (Wilhelm Reich:  Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie 1897–1922. Köln:  Kiepenheuer & Witsch 1994, S.  193f.) 26 Vgl. N.N. [d.i. Gina Kaus]:  Zur moralischen Bilanz der Bourgeoisie. In:  Sowjet, H.  1/1919, S.  51–60, hier S.  53. Zum Bekenntnis ihrer Autorschaft s.  Gina Kaus:  Von Wien nach Hollywood. Erinnerungen von Gina Kaus. Hg. v.  Sibylle Mulot. Frankfurt a.M.:  Suhrkamp 1990, S.  72.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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